Mit den passenden Worten

Ausführliche Beschreibung der Programminhalte


Vortrag (2 UE)

18. Juni 2020

Sprache in der Psychotherapie – Psychotherapie ist Sprachkunst

Lothar Duda, Dortmund; Eugene Epstein, Oldenburg; Manfred Wiesner, Oldenburg

Die sprachlichen Kompetenzen der Psychotherapeut*innen stellen eine zentrale Fähigkeit beim therapeutischen Handeln dar: Kommunikation sei „ein wesentlicher, wenn nicht sogar der wichtigste Bestandteil der Therapie“ und „die Sprache das einzige Therapiemittel des Psychotherapeuten“ – so der Bundesrat in seiner Stellungnahme vom 12.04.2019 zum Gesetzesentwurf zur Reform der Psychotherapeutenausbildung der Bundesregierung.

In unserem Vortrag wollen wir zunächst die Bedeutung der sprachlichen Kunstfertigkeit für das psychotherapeutische Handeln herausstellen und theoretisch begründen. Durch die kritische Reflexion des psychotherapeutischen Sprachgebrauchs möchten wir dazu einladen

  • den traditionellen Psycho-Jargon kritisch zu hinterfragen,
  • ein Gespür für die Macht unserer Therapiesprachspiele zu entwickeln, und in unseren Lebens- und Arbeitswelten neue sprachliche Pfade zu betreten.

Ausführliche Beschreibung des Vortrags siehe hier.


© Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) e. V.

Beiprogramm (2 UE gesamt)

19.-20. Juni 2020

BP 1: Sage Deinem Kind was Du meinst und es tut was Du sagst

Bernd Huckstorf, Rostock

Die Kommunikation mit Kindern weist große Unterschiede zu der mit Erwachsenen auf. Das richtige Verwenden von Entscheidungsfragen, der Verneinung („nicht“) und des Imperativs stellen Grundpfeiler der verbalen Kommunikation mit Kindern dar. In kleinen Rollenspielen wird dies erlebbar werden. Zuvor wird es eine einleitende Begegnung mit „Joe“ geben.

BP 2: Bewegung – Begegnung – Sprache: leibhaftig

Ralf Möller, Rostock

Die Teilnehmer*innen werden zu Beginn des Tages Gelegenheit bekommen, die eigene Stimme und Sprache zu entdecken, damit zu spielen und wohlmöglich zu interagieren. Atem-Übungen und Bewegungs-Spiele dienen der Anregung/Erweckung und bilden die Grundlage, sich selbst und den eigenen Tagungsinteressen zu entsprechen. Das Erspüren der eigenen Kontaktbedürfnisse wird erlebbar und kann je nach Stimmung mit Tönen, Geräuschen, Gesten und Worten in die Begegnung einfließen.

BP 3: Rhythmus – Bewegung – Singen – Gemeinschaft: Musik als Sprache, die alle verstehen

Ines Wassermann, Reinshagen

Gemeinsam erleben wir Rhythmen, Melodien, Sprachen und Lieder beim Lauschen, Entspannen, gemeinsam Bewegen, Sprechen und Singen, genau passend für einen sanften und dann bewegt fröhlichen Start in den Tag. Dabei werden Körper, Geist, Seele und Emotionen wach und aufnahmebereit. Die Lieder verwenden unterschiedliche Sprachen, so dass wir im gemeinsamen Erleben und Nachspüren fremde Sprachen vor allem über deren nonverbale Anteile von Rhythmus, Klang, Melodie, Lautstärke, Dynamik, Klangfarbe sowie Mimik, Gestik und Körpersprache verstehen werden. Musikalische Vorkenntnisse oder Singen „können“ sind nicht erforderlich. Jede und Jeder ist eingeladen in ihrer/seiner Art und Weise teilzunehmen.



© Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) e. V.

 

Zweitägige Workshops (16 UE gesamt) 

19.-20. Juni 2020

WS 1: Hinter den Kulissen – Improvisationstheater und sein psychotherapeutisches Potenzial

Eva Barnewitz, Konstanz

Weit bekannt ist Improvisationstheater (kurz: Impro) als Form der Bühnenunterhaltung, bei der die Spieler*innen ohne Skript und “aus dem Nichts” gemeinsam Szenen und Geschichten entwickeln, die der Inspiration des Augenblicks folgen. In diesem Workshop werfen wir einen Blick hinter die Kulissen – denn entgegen der Annahme, man müsse zum Improvisieren unbedingt spontan und kreativ sein, sind es vor allem die Grundhaltung und andere trainierbare Fähigkeiten der Spielenden, die interessante und bedeutsame Szenen erlauben. Dazu zählen (u.a.) Neugier auf mein Gegenüber, Vertrauen, klare Kommunikation, Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt, Ambiguitätstoleranz, Flexibilität, Annahme von Veränderungen und eine wertschätzende und akzeptierende Grundhaltung. Diese Fähigkeiten sind nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Alltag relevant und hilfreich. Welchem/r Klienten/in wünschen wir nicht ein wenig mehr Freude am Ausprobieren, Mut zur Begegnung mit sich selbst und anderen oder Vertrauen in den Prozess?!

Durch konkrete Übungen, die auch mit Klient*innen einsetzbar sind, werden diese und andere Fähigkeiten und Grundhaltungen trainiert, die sowohl im Impro als auch in Beratung und Therapie hilfreich sind. Auch ohne jegliche Vorerfahrung mit Impro und/oder Theater können Therapeut*innen sowohl auf professioneller als auch auf persönlicher Ebene einen reich gefüllten Methodenkoffer, inspirierende Erfahrungen und Mut zum Ausprobieren mitnehmen.

Literatur:

  • Romanelli, A., Tishby, O., & Moran, G. S. (2017). “Coming home to myself”: A qualitative analysis of therapists’ experience and interventions following training in theater improvisation skills. The Arts in Psychotherapy, 53, 12-22.
  • Spolin, V. (2002). Improvisationstechniken für Pädagogik, Therapie und Theater (Vol. 8). Junfermann Verlag GmbH

 

WS 2: ACT – Einführung in die Akzeptanz- und Commitment-Therapie

Lothar Duda, Dortmund

Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT, ausgesprochen wie das englische Verb "act") ist eine Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie, sie basiert auf dem gleichen Grundsatz – dass psychische Probleme auf ungünstigen oder fehlenden Lernprozessen beruhen. Und sie ist mit allen anderen Methoden der klassischen VT kombinierbar. ACT geht allerdings davon aus, dass manchmal erst bestimmte Grundlagen dafür geschaffen werden müssen, dass günstige Lernprozesse in Gang kommen können. Welche Grundlagen das sind und wie ACT-Therapeut*innen ihre Patient*innen darin unterstützen, diese zu entwickeln, wird im Workshop vorgestellt und durch praktische Übungen erfahrbar gemacht werden.
Ziel der ACT ist es, durch die bewusste Förderung von Prozessen wie Akzeptanz und Achtsamkeit in Verbindung mit Strategien zur Klärung der eigenen persönlichen Werte eine größere psychische Flexibilität zu entwickeln um engagiertes Handeln zu ermöglichen.

Literatur:

  • Hayes, Steven C. mit Spencer Smith (2007): In Abstand zur inneren Wortmaschine. Ein Selbsthilfe- und Therapiebegleitbuch auf der Grundlage der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), Tübingen: dgvt-Verlag
  • Eifert, Georg H. (2011): Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Fortschritte der Psychotherapie, Bd. 45, Göttingen: Hogrefe Verlag
  • Harris, Russ (2011): ACT leicht gemacht. Ein grundlegender Leitfaden für die Praxis der Akzeptanz- und Commitment-Therapie, Freiburg: arbor-Verlag

 

WS 3: Spielfilme in der Psychotherapie

Brigitte Fellinger, Retz/ Österreich

Seit einigen Jahren nützen immer mehr Psychologen und Psychotherapeuten die aus den USA kommende cinematherapy in Kliniken und Praxen. Die bewegten Bilder von Filmen, die mit Ton und/oder Musik hinterlegt sind, schaffen Bewegtheit in uns. Wir „leben“ mit den Protagonist*innen eine Spielfilmdauer mit. Guten Spielfilmen gelingt es, uns ganz im Hier und Jetzt zu fesseln.
Menschen, die psychische Hilfe suchen, geben den Behandler*innen einen Einblick in deren einzigartige Seelenlandschaften. Die Filmtherapie kann Reflexions-, Erkenntnis- und Verstehensprozesse unterstützen, sie kann dazu anregen, ins Handeln zu kommen, weil Spielfilme zeigen, wie ein Problem gelöst wird und wie es danach sein könnte. Filmtherapie heilt nicht, aber sie kann den Blick weiten. Erfahrene Filmtherapeut*innen unterstützen damit den Prozess, in dem sich die Seelenlandschaften der Patient*innen in Filmlandschaften wiederfinden und spiegeln können, und vice versa. Dadurch entsteht eine ganz besondere Form des Dialogs. Die therapeutische Arbeit mit Spielfilmen ist sowohl für Klient*innen/Patient*innen wie auch für Psychotherapeut*innen faszinierend, bereichernd und auch herausfordernd. Für die Dauer eines Spielfilms ist die Trennung Hier die Professionist*innen – dort die Patient*innen aufgehoben. So kann und darf es sein, dass Filminhalte auch Therapeut*innen berühren, und sich diese erlauben, ihre Gefühle auch zu zeigen. Das Gemeinsame Erleben eines Spielfilms kann oftmals auch Türöffner für eine tragfähige, wertschätzende und respektvolle therapeutische Beziehung sein, vor allem bei sogenannten „komplizierten“ Patient*innen oder wenn ein therapeutischer Prozess ins Stocken geraten ist.
Der Workshop „Spielfilme in der Psychotherapie“ vermittelt theoretisches Wissen über Spielfilme, gibt einen umfassenden Einblick in die praktische filmtherapeutische Arbeit in den unterschiedlichsten Kontexten und lädt dazu ein, Spielfilme nicht zu konsumieren, sondern sie zu „erleben“ – als Zuseher*in, in der Rolle von Klient*innen/Patient*innen und auch als Filmtherapeut*in. Es ist ein besonderer therapeutischer Zugang, in „Spielfilmen zu denken“, um therapeutische Prozesse auch einmal anders zu begleiten.
Filmtherapie ist eine sehr lebendige, schulenübergreifende therapeutische Intervention, auch dies wird im Workshop erfahrbar gemacht. Gerne können eigene Fallpräsentationen mitgebracht werden.

Literatur:

  • Hesley/Hesley: Rent Two Films and Let`s Talk in the Morning. (NJ 2008)
  • Fellinger: Spielfilme in der Psychotherapie, (München 2018)

 

WS 4: Märchen, Mythen, Netflix – zum Arbeiten mit populären Narrativen in der Psychotherapie

Niklas Gebele, Karlsruhe; Sabine Gebele, Karlsruhe

„Nichts auf der Welt ist mächtiger als eine gute Geschichte. Nichts kann sie aufhalten, kein Feind vermag sie zu besiegen.“ Tyrion Lannister (Game of Thrones)

Harry Potter, Star Wars, Game of Thrones, Breaking Bad – wir leben in einem Zeitalter großer Erzählungen. Das Erzählen von Geschichten ist eine anthropologische Konstante, die das Funktionieren und die Weiterentwicklung von Gemeinschaften sowie des Individuums im sozialen Kontext der Gemeinschaft sichert. Es ist keine menschliche Kultur – keine Nation, Religionsgemeinschaft, Partei, Firma, Clique oder Familie –  vorstellbar, in der keine Mythen über den Ursprung und die Entwicklung der Gruppe erzählt werden.
Auch und gerade die Psychotherapie kann als eine Form des Geschichtenerzählens verstanden werden. Patient*innen erzählen nicht nur ihre Krankheits-, sondern auch ihre Lebens-, Liebes-, Beziehungs-, (Miss-) Erfolgs- und Persönlichkeitsentwicklungsgeschichten.
In den psychodynamischen Psychotherapieverfahren gibt es eine lange Tradition des Rückgriffs auf Mythen, Märchen und andere klassische Narrative, um Patient*innen Einsicht in ihre Geschichte und die unbewussten, pathogenen Prozesse, aber auch die möglichen Quellen von Ressourcen und Heilung zu ermöglichen.
Schulenübergreifend kann durch die gemeinsame Analyse bekannter Geschichten und die daraus abgeleiteten individuellen Metaphern die therapeutische Beziehung gestärkt und eine gemeinsame, verbindende eigene Sprache für den therapeutischen Prozess gefunden werden. Um Patient*innen jedweden unterschiedlichen Entwicklungs- und Bildungsstandes einen Zugang zu dieser Art von Selbstexploration zu ermöglichen, eignen sich moderne Narrative aus der Popkultur aus Filmen, Serien, Büchern oder Games. Dieser psychotherapeutische Ansatz, der sich als flexible und kreative Ergänzungstechnik im Rahmen etablierter Richtlinienverfahren versteht, wird theoretisch skizziert und anhand konkreter Fallbeispiele illustriert. Popkulturelle Narrative, die dabei behandelt werden könnten sind u.a. Alles steht Kopf, Game of Thrones, My little Pony – Freundschaft ist Magie, Tote Mädchen lügen nicht und das Online-Multiplayer-Spiel Overwatch.
Im zweiten Teil des Workshops besteht die Möglichkeit zur Reflektion der persönlichen Lieblingsgeschichten der Teilnehmer*innen sowie zur gemeinsamen Arbeit an eigenen, von den Teilnehmer*innen eingebrachten Fällen, die einen Bezug zu Popkultur-Stoffen, oder auch klassischen Mythen oder Märchen aufweisen.

Literatur:

  • Gebele, N. (2019). Zum Arbeiten mit populären Narrativen in der Psychotherapie: Es gibt nur einen Gott – und sein Name ist Tod. Psychotherapeutenjournal, 1/2019, 17-23.

 


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09. DGVT Sommerakademie