Ausführliche Beschreibung der Programminhalte

Eröffnender Impulsvortrag

15. Oktober 2021

Systemtherapie und Verhaltenstherapie: Wovon sie ausgehen, was sie sehen und was sie nicht sehen.
Hans Lieb, Edenkoben

Jede Therapieschule geht von bestimmten Prämissen aus. Von denen hängt ab, was sie wissen oder zu wissen glauben, wie und welche Informationen sie sammeln, wie sie sich auf dieser Basis einen „Fall“ konstruieren, die therapeutische Beziehung gestalten und in der Praxis vorgehen. Jede Schule „sieht“ dann etwas, was die andere nicht sieht. So gesehen hat jede Lücken, die die andere füllen könnte. Auf dieser Basis können beide in einen Dialog treten.

Expert*innen-Impulsvorträge und Live-Demonstration

15. Oktober 2021

EV 1: Beziehung lernen? Entwicklungen der verhaltenstherapeutischen Paartherapie
Berit Brockhausen, Berlin

Kommunikationstraining, Konfliktlösungstraining und positive Beziehungsgestaltung waren die Kerninhalte der verhaltenstherapeutischen Paartherapie. Doch mit den „Wellen“ der Verhaltenstherapie kamen Veränderungen. Gibt es sie überhaupt noch, die klassische verhaltenstherapeutische Paartherapie?

Literatur
Russ Harris: ACT der Liebe
Leslie Greenberg: Die Dynamik von Liebe und Macht: Emotionsfokussierte Paartherapie
Eckhard Rödiger et al.: Paare in der Schematherapie
Schindler, Hahlweg, Revenstorf: Partnerschaftsprobleme - Diagnose und Therapie
Guy Bodenmann: Bevor der Stress uns scheidet

 

EV 2: Systemische Paartherapie – eine Frage der Haltung(en)
Angelika Eck, Karlsruhe

Jeder Therapieansatz formt mit seinen theoretischen Annahmen, Haltungen und Interventionen eine bestimmte Perspektive auf die Klient*innen und das, was in der Therapie hilfreich sein könnte. Was eine systemische Herangehensweise ausmacht, erschließt sich vielleicht am deutlichsten über die Haltungen. Dazu zählen die Orientierung an Wechselbeziehungen (Zirkularität) und Kontext, Allparteilichkeit und Veränderungsneutralität, Ressourcenorientierung und ein konstruktivistisch-nichtwissendes Interesse an der jeweiligen subjektiven Wirklichkeit. Wie zeitgemäß ist dieses Therapieangebot? Anhand von Fallbeispielen frisch aus der Praxis der Paartherapie werden Haltungen illustriert und einzelne Interventionen vorgestellt.

Literatur
Arnold Retzer (2004): Systemische Paartherapie. Stuttgart: Klett-Cotta.
Rosemarie Welter-Enderlin (2007): Einführung in die systemische Paartherapie. Heidelberg: Carl-Auer.

 

In der Live-Demonstration erklären, zeigen und reflektieren wir was Systemische Therapie und Verhaltenstherapie tun. 

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Workshops (5 UE)

16. Oktober 2021

Systemische Therapie
 

ST 1: Mit der Lupe hingeschaut: Ressourcen in Störungen bzw. Störungen als Ressourcen?
Mechthild Reinhard, Wald-Michelbach

Ressourcenorientierung ist ein wichtiger Wirkfaktor der Systemischen Therapie und ein zentrales Element systemischen Denkens. Lebendige Systeme – z. B. Familien, einzelne Personen, oder auch andere Organismen – sind stets auf der Suche nach Lösungen. Probleme, auch solche, die als ICD-Diagnose beschrieben werden, sind aus dieser Sicht Lösungsversuche und damit kompetente Leistungen, die auf vorhandene Ressourcen des Systems hinweisen. Diese gilt es im Behandlungsverlauf zu finden.
Dabei ist Ressourcenorientierung kein Tool, das man anwenden oder weglassen kann, sondern eine Haltung, die eng verknüpft ist mit dem Konstruktivismus, der erkenntnistheoretischen Grundlage der Systemischen Therapie: der Unterschied zwischen ‚Lösungs-Sicht‘ und ‚Problem-Sicht' liegt demnach im Auge des Betrachters.
Dieser experimentell angelegte Workshop wirbt daher für eine ständige Prozessreflexion während der therapeutischen Kooperation bzw. im jeweiligen interaktionellen Raum – und um eine kreative Haltung, das Problem selbst eher als Rätsel zu betrachten, dass die Akteure auf die Spur der Ressourcen führen könnte…
Denn: Lösungsversuche, die ein Problem nicht lösen, gehören mit zum Problemsystem!

Literatur
Martina Gross, Vera Popper (2020): "Und die Maus hört ein Rauschen". Carl Auer Systeme Verlag

 

ST 2: Transgenerationale systemische Familiendynamik und -therapie
Wolf Ritscher, Unterreichenbach

Mehrgenerationale Erzählungen, Botschaften, Delegationen, Aufträge, Loyalitäten, spielen im transgenerationalen Konzept der systemischen Therapie eine wichtige Rolle für die Beschreibung und das Verstehen von Problemen und Krisen. Mit dieser Perspektive kann in allen Settings gearbeitet werden. Ich wähle als Beispiel die transgenrationale Weitergabe familiärer Botschaften in Familien der Täter*innen und Opfer des Nationalsozialismus. Auch andere Formen transgenerational weitergebener Traumata und ihre Folgen für die jeweiligen Generationenebenen können hier zur Sprache kommen – wenn die Teilnehmer*innen entsprechende Fälle einbringen. Der Workshopleiter sollte von den dies beabsichtigenden Kolleg*innen vorab informiert werden.

Literatur
Boszormeny-Nagy, Ivan und Spark, Geraldine (1981): Unsichtbare Bindungen. Die Dynamik familiärer Systeme. Stuttgart (Klett – Cotta)
Massing, Almuth, Reich, Günter, Sperling, Eckhard (2006): Die Mehrgenerationen-Familientherapie. 5. Akt. Aufl. Göttingen (Vandenhoeck u. Ruprecht)
Schützenberger, Anne A. (2003): Oh, meine Ahnen! Wie das leben unserer Vorfahren in uns wiederkehrt. 3. Aufl. Heidelberg (Carl Auer)
Heinzel, Sebastian (2020): Der Krieg in mir. Welche Spuren haben die Erfahrungen der Kriegsgeneration in uns hinterlassen? Bielefeld (Kamphausen Media)

 

ST 3: Familiengespräche möglichst allparteilich und gelassen führen ohne die Klarheit zu verlieren
Filip Caby, Papenburg

Die m. E. wichtigsten Herausforderungen von Familiengesprächen liegen darin:

  • (1) die Führung des Gesprächs zu beanspruchen und zu halten, sich dazu selbst zu „ermächtigen“
  • (2) mit den unterschiedlichen Familienmitgliedern („Kunden, Klagenden, Besuchern, Zwangsbesuchern, Ungebetenen“) eine ähnlich vertrauensvolle und ähnlich intensive therapeutische Beziehung zu entwickeln
  • (3) viele Details, von denen erzählt wird, auf wenige „Muster“ zu reduzieren, die für den Therapieauftrag wichtig sind, und diese den Teilnehmer*innen zurückzuspiegeln: „Darf ich kurz schildern was ich sehe?“
  • (4)  aus Problemtrancen rechtzeitig in Lösungstrancen zurückzukehren und
  • (5) der Familie geeignete „Hausaufgaben“ mitzugeben, die eine produktive „Fortsetzung“ der Therapiesitzung zuhause ermöglichen.

Zumindest für einige dieser Herausforderungen sollen in einer Fallsimulation im Workshop nützliche Vorgehensweisen demonstriert werden.

Literatur

J. Schweitzer (2010). Wann Familientherapie – und wie? In Eckert, J., Barnow, S., Richter, R. (Hrsg.): Das Erstgespräch in der Klinischen Psychologie, S. 375-387.
A. Caby, F. Caby: die kleine Psychotherapeutische Schatzkiste I und II, 2013
A. v. Schlippe, J. Schweitzer (2012). Lehrbuch der systemsichen Therapie und Beratung I: Das Grundlagenwissen. Kap. IV Praxis: Methoden, S. 223 bis 346.


Verhaltenstherapie
 

VT 1: Paartherapie. Liebe ist ein Tätigkeitswort.
Berit Brockhausen, Berlin

Im Prinzip ist alles ganz einfach. Die Therapeut*in stoppt das dysfunktionale Verhalten und erarbeitet funktionales. Das Paar lernt alle Techniken, die – wie in vielen Untersuchungen festgestellt – glückliche Paare von unglücklichen unterscheiden, und wendet diese erfolgreich im Alltag an. Doch interessanterweise setzen Paare das Gelernte häufig nicht um. Warum eigentlich nicht? Und was ist nötig, damit Veränderung in Gang kommt? Fokus des Workshops ist die Arbeit mit dem beobachtbaren und berichteten Verhalten. Wir beschäftigen uns mit der Technik der Mikroanalyse, mit Strategien den „armen schwarzen Kater“ zu stoppen und die Selbstverantwortung zu fördern, sowie mit den Kriterien für den Erfolg der Paartherapie.

Literatur:
Martin Koschorke: Keine Angst vor Paaren
Berit Brockhausen: Schöner Streiten; Dies: Guter Sex geht anders.
David Schnarch: Intimität und Verlangen
Margret Hauch (HG): Paartherapie bei sexuellen Störungen: Das Hamburger Modell - Konzept und Technik


VT 2: Verhaltensanalyse und Therapieplanung
Frank Meyer, Hattingen

In ihren Anfängen hatte sich die kognitive Verhaltenstherapie die Behandlung von Patient*innen an Hand von individuell für die jeweiligen Patient*in erstellten Therapiepläne auf ihre Fahnen geschrieben. Hierbei wurde stark auf eine genaue Analyse der Situationen gesetzt, in denen die jeweiligen Probleme der Patient*innen auftraten, bzw. die eigentlich angestrebten Ziele nicht erreicht wurden. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts erwies sich in diversen Studien mit Patient*innen mit unterschiedlichen Diagnosen dieses individualisierte Vorgehen einem standardisierten Vorgehen auf der Basis von Therapiemanualen als unterlegen. Das Wissen darüber, wie ein solcher individualisierter Behandlungsplan erstellt werden kann, trat (zumindest in der Forschung) immer mehr in den Hintergrund. Heute gibt es praktisch für jede psychische Störung ein evaluiertes Manual zu deren Behandlung.

Die Erfolgsraten für Patient*innen, die nach diesen Manualen behandelt werden, liegt teilweise bei 80 Prozent. Die Kehrseite diese Erfolgsraten bedeuten aber auch, dass selbst in klinischen Studien häufig noch mehr als jeder/jede fünfte Patient*in nicht von einer solchen Behandlung nach einem Therapiemanual profitiert. Außerdem gibt es praktisch keine Manuale für die Behandlung von Patient*innen mit mehreren Diagnosen. Genau an diesen Punkten kann das Wissen über die „gute alte Verhaltensanalyse“ hilfreich sein. Mit Ihrer Hilfe ist es möglich, Therapiemanuale so zu modifizieren bzw. einen individuellen Behandlungsplan zu entwickeln, der auch dann noch erfolgsversprechend ist, wenn ein standardisiertes Vorgehen an seine Grenzen stößt.

Literatur:
Schulte, D. (1996): Therapieplanung; Hogrefe
Kanfer, F.H.; Reinecker, H. & Schmelzer, D. (2012) Selbstmanagementtherapie; Springer

 

VT 3: Mit ADHS und Freude durch den Alltag – wie Verhaltenstherapie mit Lösungsorientierung systemisch hilft
Claudia A. Reinicke, Dresden

ADHS Kinder sind ein sehr spezielles, besonders originelles Klientel: für Eltern, Lehrer*innen, Therapeut*innen und für sich selbst eine besondere Herausforderung. In dem Workshop soll gezeigt werden, wie durch eine Verknüpfung von VT mit lösungsorientiertem Arbeiten mit dem gesamten System wieder ein freudvoller Alltag möglich ist. Dabei wird gezeigt, wie mit allen Beteiligten in unterschiedlichen Situationen für mehr Wertschätzung gesorgt werden kann und das betroffene Kind mehr Erfolge erlebt, indem auch der Blick der Umgebenden auf ADHS verändert wird. Neben prozessfokussierten Embodimenttechniken liegt dabei ein Fokus auf der zielorientierten Kommunikation zwischen allen Beteiligten, um so die Selbstakzeptanz auf allen Seiten zu verbessern und damit wieder ein entspannteres Klima zu schaffen. Ebenso soll gezeigt werden, wo die Grenzen lösungsfokusierter Kommunikation bei ADHSler*innen erreicht werden können und welche Alternativen dann noch zur Verfügung stehen.

In dem Workshop wird ein Überblick über die einzelnen Technikelemente gegeben, soweit nicht bereits bei allen Teilnehmer*innen vorhanden. Demonstrationen an eigenen Beispielen geben Anregungen zur parallelen Nutzung der einzelnen Elemente. Außerdem werden Anregungen ausgetauscht, wie die Vorgehensweise in die eigene Arbeit eingebaut werden kann.

Literatur:
Claudia A. Reinicke (2015); Mit ADHS und Freude durch den Schulalltag; Heidelberg: Carl-Auer-Verlag
Michael Bohne und Claudia A. Reinicke(201ß); Klopfen mit Kindern; Freiburg:Herder-Verlag;
Ben Furman( 2010) Twin Star- Lösungen vom anderen Stern; Heidelberg: Carl-Auer-Verlag

ST und VT sehen und reflektieren sich (2 UE)

16. Oktober 2021

Interaktive Reflexion zum Abschluss der Veranstaltung
Christina Hunger-Schoppe, Witten / Herdecke; Matthias Ochs, Fulda

In der Plenumsveranstaltung wird eingeladen mittels interaktiver und kreativer Methoden die persönlichen und fachlichen Erkenntnisse und Eindrücke miteinander auszutauschen und zu reflektieren.