Ausführliche Beschreibung der Programminhalte

Eröffnungsvortrag (2UE)

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie im Wandel

Prof. Dr. Michael Borg-Laufs, Mönchengladbach

 

Vor dem Hintergrund sich verändernder Rahmenbedingungen stellt sich die Frage, wie sich Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie weiter entwickeln wird. Manche Themen sind seit vielen Jahren in der Diskussion, etwa die Frage von Manualisierung versus einzelfallspezifischer Therapie, die Frage nach der Überwindung psychotherapeutischer Schulen, das Verhältnis von Forschung und Praxis oder die Frage der Lebensweltorientierung in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Andere Fragen haben sich weiter in den Vordergrund geschoben, etwa welche Rolle Diversität und Kultursensibilität in der Psychotherapie spielen. Digitalität in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie stellt sich mit vielen verschiedenen Facetten als neues wichtiges Zukunftsthema dar. In diesem Vortrag werden Impulse für eine zukunftsgewandte patient:innenorientierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie vorgestellt. 

Kurzworkshops (5UE)

Samstag, 5. November 2022

Nachmittag (13-17Uhr)

 

KW1 Bindungsorientierte Interventionen in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien

Michael Borgs-Lauf, Mönchengladbach

In der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien sind Bindungsthemen von besonderer Bedeutung, insbesondere (aber nicht nur) in der Arbeit mit Kindern aus der stationären Jugendhilfe sowie mit Pflege- und Adoptivfamilien. In diesem Workshop wird insbesondere die Kombination von bindungs- und verhaltensorientierten Interventionen thematisiert. Hierzu werden konkrete Vorschläge vorgestellt. Darüber hinaus sind Fragen aus dem Praxisalltag der Teilnehmer*innen erwünscht, die im Workshop behandelt werden.

 

KW2 Psychotherapie mit gehörlosen und schwerhörigen Kindern und Jugendlichen

Ester Lüer, Münster

Gehörlose und schwerhörige Kinder und Jugendliche haben bis heute einen erschwerten Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten, obgleich die Studienlage eine hohe Vulnerabilität für die Entstehung psychischer Erkrankungen in dieser Gruppe darlegt. Besonders das hohe Risiko für das Erleben von (sexualisierter) Gewalt konnte aufgezeigt werden. Umso dringender ist die Frage, wie kann Psychotherapie mit gehörlosen und schwerhörigen Kindern und Jugendlichen gelingen?

In diesem Workshop wird zunächst ein kurzer Überblick über die aktuelle Studienlage gegeben und anschließend die besondere Herausforderung in der ambulanten Versorgung hörbehinderter Kinder und Jugendlicher in den Blick genommen. Anhand von Therapieverläufen werden sowohl spezifische Problemlagen, die Besonderheit der Gehörlosenkultur als auch bereits erprobte Materialien und Techniken aus der praktischen Arbeit vorgestellt. Im Sinne der Partizipation werden Impulse von gehörlosen und schwerhörigen Patient*Innen und Eltern in den Workshop einfließen und als Anregungen für einen gemeinsamen Diskurs genutzt.

Literatur

Martinkat, N. Terhorst, S. (2021) Psychotherapie in Gebärdensprache – Ansätze und Interventionen. Psychosozial-Verlag

Neef, S. (2019) Psychotherapie für Menschen mit Hörbehinderung. Median-Verlag

 

KW3 Sexualität und Geschlecht – wirkmächtig oder unbedeutend?

Beate Martin, Münster

Die Herausforderungen im professionellen Umgang mit Kindern und Jugendlichen nehmen durch den längst überfälligen, offeneren Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt (z. B. trans, inter*, nicht-binär) und sexuellen Orientierungen zu. Welche Unterstützung benötigen Einzelne? Welche Bedeutung hat eigentlich Geschlecht für die psychosexuelle Entwicklung jenseits ideologischer Verfärbungen?

 

KW4 Beziehungsgestaltung mit geflüchteten Patient*innen – Erfahrungen aus der sozialpsychiatrischen Flüchtlingsambulanz Würzburg

Dominique Schmitt, Würzburg

Die Auseinandersetzung mit Geflüchteten – insbesondere in Verbindung mit psychischen Traumafolgestörungen – erfordert Kenntnisse über ihre Lebensrealität und grundlegende interkulturelle Kompetenzen. Der Workshop bietet einen ersten Einblick in die Arbeit der sozialpsychiatrischen Flüchtlingsambulanz und in die wesentlichen Ursachen psychischer Erkrankungen bei Menschen mit Fluchterfahrung. Ein Schwerpunkt liegt in der Beziehungsgestaltung, einer möglichst kultursensiblen Sprache und Strategien zum Vorbeugen von interkulturellen Missverständnissen.

Literatur

Von Lersner, U. & Kizilhan, J. (2017). Kultursensible Psychotherapie (1. Auflage). Fort-schritte der Psychotherapie (Band 64). Göttingen: Hogrefe.

Gräßner, M., Iskenius, E. & Hovermann, E. (2017). Therapie-Tools Psychotherapie für Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung. Weinheim: Beltz-PVU.

 

KW5 Grundlagen psychopharmakologischer Interventionen in der Kinder-und Jugendpsychotherapie

Ingo Vogl, Bodenmais

Dieser Workshop beginnt mit einer Impulspräsentation zu Arten und Wirkungsweisen von Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen mit Fallbeispielen aus der Klinik, und setzt sich dann mit den Fragen und Fallbeispielen der anwesenden Behandler*innen auseinander.

Literatur

Elbe, D., Black, T. R., McGrane, I. R., & Procyshyn, R. M. (Eds.). (2018). Clinical handbook of psychotropic drugs for children and adolescents. Hogrefe Verlag.

Koppe, H. (2011). Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen-Ein praktischer Leitfaden mit Fallbeispielen. UNI-MED Verlag.

 

KW6 Psychotherapie der Zwangsstörung im Kindes- und Jugendalter

Gunilla Wewetzer, Köln

Im Rahmen des Workshops werden Symptomatik, Entstehungsbedingungen und Therapie der Zwangsstörung im Kindes- und Jugendalter vorgestellt. Die kognitive Verhaltenstherapie mit Expositionen im Reaktionsmanagement stellt die Psychotherapie der ersten Wahl bei der Behandlung von Zwängen dar. Die Therapie wird anhand von Fallbeispielen verdeutlicht. Gerne können Fallbeispiele der Teilnehmer aktiv in den Workshop eingebracht werden.

Literatur

Goletz, H. & Döpfner, M. (2018). Zwangsstörungen (Leitfaden für Kinder- und Jugendpsychiatrie). Göttingen: Hogrefe.

Wewetzer, G. & Wewetzer, Ch. (2019). Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter. Ein Therapiemanual. Göttingen: Hogrefe.

 

KW7 Schulverweigerung

Norbert Wieland, Münster

Mein zentraler Zugang zum Thema ergibt sich aus meiner Arbeit im Kontext eines Modellprojekts für jugendliche Hauptschüler, die massiv die Schule verweigern. Dieses Modellprojekt startete zur Jahrtausendwende und realisiert die Beschulung dieser Jungen und Mädchen mit dem Ziel, wieder eine Anbindung an Unterricht zu ermöglichen. Dieses Ziel wurde erreicht durch die einjährige Beschulung in einer kleinen Gruppe, an einem Ort außerhalb der Herkunftsschulen, mit einer Lehrkraft und einem Schulsozialpädagogen. Es war als ein Element in ein Gesamtsystem von Schulsozialarbeit an einer Hauptschule in Münster intergriert.

Schulverweigerung ist nicht nur ein Problem einzelner Mädchen und Jungen, sondern auch eines von Peer Groups, Familien und Schulen. Deshalb macht es bei der Arbeit mit Einzelnen zum Thema Schulverweigerung Sinn, all diese Akteure einzubeziehen, soweit das sinnvoll und möglich erscheint.

In der Veranstaltung werden deshalb in einem ersten Schritt die drei häufigsten Perspektiven auf Schulverweigerung rekonstruier. Das sind die Perspektiven der Jugendlichen, die der Eltern und die der Schule/Lehrer*innen. Dafür soll auch Material aus Fällen der Teilnehmer*innen genutzt werden, so dass ein Diagnose-Muster entsteht, das sich für die konkrete Arbeit nutzen lässt.
In einem zweiten Schritt werden Verfahren erarbeitet, bzw. geprüft und ausprobiert, die für die Arbeit mit jeder dieser drei Perspektiven geeignet sind. Daraus entsteht ein erster Eindruck von einem multiperspektivischen Vorgehen bei Schulverweigerung.

Beide Schritte lassen Raum für eine Auseinandersetzung mit relevanten Fragen, z. B.
•    eine Typologie von Schulverweigerung
•    Schulverweigerung als Lösungsstrategie bei jugendspezifischen Problemen
•    Schulverweigerung als Beitrag zur Lösung familiärer Probleme
•    der Zusammenhang von Lernstörungen und Schulverweigerung
•    Schulverweigerung als Folge von Ausgrenzung

Die Veranstaltung gelingt umso besser, je mehr Material aus der Praxis der Teilneh-mer*innen zur Verfügung steht. Dieses Material bindet die Übungen und Reflexionen der Veranstaltung an die Praxis.

Literatur
Thimm, Karlheinz (2000): Schulverweigerung.Votum Verlag. Münster
Wieland, Norbert (2010): Die soziale Seite des Lernens. VS Verlag. Wiesbaden

 

Langworkshops (8UE)

Sonntag, 6. November 2022

Nachmittag (9-16:30Uhr)

 

LW1 Schnittstellen zwischen Psychotherapie und Neuropädiatrie am Beispiel der Epilepsie

Marie Dietz & Sebastian Triller, Berlin

Obwohl Kinder und Jugendliche mit neurologischen Erkrankungen aufgrund multipler Belastungsfaktoren häufiger emotionale Störungen als körperlich gesunde Patient:innen entwickeln, finden sie seltener den Weg in die Regelversorgung. Die Phänomenologie und deren Auswirkungen auf die Erlebenswelt der Familien zu verstehen, ist ein wichtiger Baustein in der Entwicklung einer Compliance und wirksamen psychotherapeutischen Behandlung. Im Rahmen unseres Workshops möchten wir am Beispiel der Epilepsie gemeinsam mit Ihnen diagnostische und verhaltenstherapeutische Strategien im Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen und deren Familien besprechen.

Literatur

Aaberg, K.M., et al., Comorbidity and Childhood Epilepsy: A Nationwide Registry Study. PEDIATRICS, 2016. 138(3): p. e20160921-e2016.

Michaelis, Rosa et al. “Psychological Treatments for Adults and Children with Epilepsy: Evidence-Based Recommendations by the International League Against Epilepsy Psychology Task Force.” Epilepsia : journal of the International League against Epilepsy. 59.7 (2018): 1282–1302. Web.

Phillips, N.L., E. Widjaja, and M.L. Smith, Family resources moderate the relationship between seizure control and health-related quality of life in children with drug-resistant epilepsy. Epilepsia, 2020. 61(8): p. 1638-1648.

Rani, A. and P.T. Thomas, Stress and perceived stigma among parents of children with epilepsy. Neurol Sci, 2019. 40(7): p. 1363-1370.

 

LW2 Durchführung der Multimodalen Therapie für Jugendliche mit chronischem Suchtmittelkonsum (DELTA)

Yulia Golub & Lukas Basedow, Dresden

Für Jugendliche mit Substanzkonsumstörungen gibt es wenige standardisierte Behandlungsansätze. Hier greift das manualisierte Therapieprogramm „DrEsdner MuLtimodale TherApie für Jugendliche mit chronischem Suchtmittelkonsum (DELTA)“ ein und bietet einen altersangemessenen, verhaltenstherapeutischen und systemischen Behandlungsrahmen. DELTA unterstützt die Jugendlichen auf ihrem Weg in die Abstinenz und beim Leben in Abstinenz, unabhängig davon, welche Substanz das Hauptproblem darstellt. Der therapeutische Prozess beinhaltet - je nach Setting (ambulant oder stationär) - auch Zwischenziele zur Konsumreduktion und Punktabstinenz, um schließlich vollständige Abstinenz zu erreichen und aufrechtzuerhalten. DELTA besteht aus strukturierten Einheiten für Betroffene und Angehörige. Jugendliche mit Substanzkonsumstörung durchlaufen 16 wöchentliche Gruppensitzungen und 8 einzeltherapeutische Sitzungen in zweiwöchigen Abständen. Eltern werden begleitend im Rahmen von 8 wöchentlichen Eltern-Gruppensitzungen entlastet.

Das Therapieprogramm beinhaltet praxisorientierte Aufgaben, um sowohl die Jugend- als auch die Elternsitzungen effizient und alltagsnah unterstützen zu können. Jugendliche werden in ihrer Abstinenzmotivation gestärkt und bei der Erarbeitung der neuen Fertigkeiten unterstützt, um den Umgang mit belastenden und rückfallauslösenden Situationen zu erleichtern. Für die Elterngruppe stehen außerdem vorgefertigte Präsentationen über suchtspezifische Lernprozesse, psychoaktive Substanzen und familienspezifische Themen zur Verfügung.

Folgende Themenfelder erwarten Sie:

  • Wieso? Substanzkonsum im Jugendalter und evidenzbasierte Therapiebausteine
  • Was und Wo? Das DELTA-Konzept im ambulanten Rahmen
  • Wie? Sitzungsinhalte für Jugendliche, praktische Übungen
  • Und die Anderen? Sitzungsinhalte für Angehörige
  • Abschließender Austausch

 

LW3 Gruppentherapie - Die heilende Kraft der Gemeinschaft

Irmgard Köster-Goorkotte, Greven

Gruppentherapie ist für Kinder und jugendliche Patient*innen auch neben einer störungsspezifischen verhaltenstherapeutischen Behandlung im Einzelsetting besonders geeignet, um ….

  • selbstwertdienliches und funktionales (soziales) Verhalten einzuüben,
  • Krisen zu bewältigen,
  • Probleme zu lösen und einzupassen und
  • korrigierende Lernerfahrungen im Kontakt mit Gleichaltrigen zu machen.

Gemeinschafts- und Gleichwertigkeitsgefühl sind wichtigste Quelle für ein stabiles Selbstwertgefühl und im Einzelsetting im Kontakt mit erwachsenen Therapeut*innen nur bedingt zu sichern, in einer Gruppe aber besonders gut erfahrbar zu machen.

Junge Patient*innen, die zu uns kommen, leiden oft an ihren Beziehungen zu anderen Menschen: Müttern, Vätern, Geschwistern, Kita-Kindern, Mitschüler*innen und Lehrpersonen sowie Peers. Sie haben unzureichende Erfahrungen hinsichtlich eines sicheren Platzes in ihrer (Ursprungs)-Gemeinschaft und eigener Selbstwirksamkeit in der Interaktion mit Anderen gemacht. Wenn auch nicht immer ursächlich für die Entstehung einer Störung mit Krankheitswert, bestimmen diese Bedingungen doch Verhalten, halten Symptome aufrecht und erschweren manchmal Heilung.

In einer Gruppentherapie soll eine störungsspezifische Behandlung erfolgen, sie dient allgemeiner Entwicklungsförderung auch in Ergänzung einer Einzeltherapie. Im Gruppensetting sind die psychischen Grundbedürfnisse (n. Grawe) mit nachvollziehbaren Interventionen und im vertrauten Setting gut zu befriedigen.

Junge Patient*innen fügen sich nur selten in Manuale und Konzepte ein. Um Gruppentherapie nachhaltig wirksam zu machen, brauchen Kinder und Jugendliche Therapeut*innen, die neben störungsspezifischem Wissen auch über gruppen-pädagogisches Grundlagenwissen und Erfahrungen in der methodischen Umsetzung verfügen.

Gruppentherapie ist eine Kunst, die erlernt und eingeübt werden kann. In diesem Workshop sollen nach einer Einführung und der Vermittlung eines Modellkonzeptes ausgehend von Fragen und Bedürfnissen der Teilnehmer*innen   Gruppeninterventionen erarbeitet und praktisch eingeübt werden. Es soll erfahrbar werden, wie Gruppen-therapiekonzepte und -manuale auf der Grundlage pädagogischen Wissens erfolgreich angewandt werden können und ermutigen, dieses in der therapeutischen Alltagspraxis auch anzubieten, zumal es sich seit April 2017 auch wirtschaftlich lohnt. Es geht darum, Gelegenheitsräume dafür zu schaffen, dass die heilendeKraft der Gemeinschaft zur seelischen und körperlichen Gesundung von Kindern und Jugendlichen beitragen kann.

 

LW4 Von Instagram bis Fortnite: Social Media, Videospiele und Apps in der therapeutischen Praxis

Christina Kurzweil, Iserlohn

In den letzten 2 Jahren fand Psychotherapie mehr online statt als je zuvor und Behandler/innen sahen sich vor die Herausforderung gestellt, therapeutische Prozesse digital zu begleiten. Neben Videostunden können Apps, Social Media und Videospiele im Rahmen der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen eine Bereicherung der Methodenvielfalt darstellen und den Praxisalltag bereichern. Der Markt an Plattformen und Möglichkeiten scheint allerdings auf den ersten Blick nahezu erschlagend.

In diesem Seminar sollen neben Anwendungsbeispielen konkrete Apps, Spiele und Social Media Kanäle vorgestellt und von den Teilnehmern ausprobiert werden. Anfänger im Bereich der digitalen Methodenvielfalt sind genauso willkommen wie Kollegen, die den Austausch über Praxiserfahrungen suchen und ihr digitales Repertoire erweitern wollen.

Die Themenbereiche „Social Media“, „Videospiele“ und „Apps“ werden mit Kurzvorträgen, Kleingruppendiskussionen und jede Menge ausprobieren für die Teilnehmer erlebbar gemacht.

 

LW5 Zwischen Angst und Resilienz - Psychotherapie Jugendlicher und junger Erwachsener im Kontext der Klimakrise

Kathrin Macha, Mainz

Die Klima- und Biodiversitätskrise stellt eine der größten existenziellen Bedrohungen der physischen und psychischen Gesundheit dar. Als Psychotherapeut*innen sind wir in mehreren Rollen betroffen: als Privatperson, Behandler*in und Expert*in. Der Workshop führt durch die unterschiedlichen Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten, die mit diesen Rollen einhergehen. So sind im privaten Bereich unter anderem psychologische Mechanismen der Risikoeinschätzung, aber auch politische Verzögerungsdiskurse und Einfluss von Medien relevant. Aus Behandler*innenperspektive begegnen wir zunehmend verschiedenen Klimagefühlen, wie etwa Klimaangst, Klimatrauer und Ohnmacht. Auch Störungsbilder in Folge belastender Lebensereignisse oder das Phänomen des Activist Burnout treten in der Praxis vermehrt auf. Entsprechende Fallbeispiele werden auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse skizziert, um Interventionsmöglichkeiten im Therapiekontext und Methoden zum Aufbau von Resilienz abzuleiten. Der Fokus liegt hier auf jungen Menschen als einer besonders vulnerablen Gruppe. Eine Reflexion unserer Rolle als Expert*innen zeigt unsere fachliche und berufsethische Verantwortung abschließend auch außerhalb des Therapieraums auf. Der Workshop bietet in seiner interaktiven Gestaltung einen Raum für Selbsterfahrung, Diskussion und Intervision.

Literatur

Dohm, L., Peter, F., & van Bronswijk, K. (Hrsg.). (2021). Climate Action – Psychologie der Klimakrise. Psychosozial-Verlag.

Clayton, S., Manning, C. M., Speiser, M., & Hill, A. N. (2021). Mental Health and Our Changing Climate: Impacts, Inequities, Responses.Washington, D.C.: American Psychological Association and ecoAmerica

Macha, K., Adelmann, G. (2022). A planet and a movement burning out – Activist Burnout”. In Van Bronswiijk., K. & Hausmann, C. (Hrsg.), #Climate Emotions: Klima, Gefühle und Psychotherapie. Psychosozial-Verlag.

 

LW6 Prozessbasierte Therapie bei körperdysmorpher Störung

Viktoria Ritter, Erfurt

Die körperdysmorphe Störung (KDS) ist gekennzeichnet durch die exzessive Beschäftigung mit einem oder mehreren wahrgenommenen Makeln in der äußeren Erscheinung, die für andere nicht oder allenfalls minimal erkennbar sind. Die Störung ist mit einem starken Leidensdruck verbunden und verbreiteter als ursprünglich angenommen. Im Workshop wird ein Überblick über Störungsbild und Ursachen gegeben. Im Mittelpunkt steht die prozessbasierte Therapie, die auf eine Veränderung zentraler aufrechterhaltender Verarbeitungsprozesse bei KDS (selektive Selbst- und Makelaufmerksamkeit, detailorientierte Wahrnehmung, verzerrte mentale Vorstellungsbilder, autobiografische Erinnerungen, negative Emotionen, frühe maladaptive Schemata) fokussiert. Anhand des prozessbasierten Modells werden prozessbasierte Interventionen wie Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungstraining, Distanzierungsübung, Videofeedback, Imagery Rescripting, Stuhldialoge, Verhaltensexperimente und -aufgaben vorgestellt, die sich als hilfreich erwiesen haben und sehr erfolgreich im Rahmen einer randomisierten kontrollierten Studie evaluiert wurden. Das Vorgehen wird praxisnah anhand von Videoaufnahmen, Rollenspielen und Übungen veranschaulicht. Darüber hinaus können anhand von Fallbeispielen der Teilnehmer in kollegialer Super- und Intervision Fragen, Problemstellungen sowie das konkrete therapeutische Vorgehen besprochen werden.

Literatur

Ritter, V., Schüller, J., Berkmann, E., von Soosten, L. & Stangier, U. Efficacy of cognitive therapy for body dysmorphic disorder: A randomized controlled pilot trial. Behavior Therapy (under review).
Ritter, V. & Stangier, U. (2020). Prozessbasierte Therapie bei körperdysmorpher Störung. Neue Perspektiven für die Behandlung. Psychotherapeut, 65, 79-85.
Ritter, V. & Stangier, U. (2016). Seeing in the Mind’s eye: Imagery rescripting for patients with body dysmorphic disorder. A single case series. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 50, 187-195.

 

LW7 Kinderschutz & Psychotherapie - Umgang mit Verdacht auf Kindeswohlgefährdung im psychotherapeutischen Alltag

Raquel Vazquez, Kelkheim

Als Angehörige der Heilberufe können Psychotherapeut*innen auf vielfältige Weise Gefährdungen von Kindern und Jugendlichen wahrnehmen oder darüber Kenntnis erhalten. Der Umgang mit Verdachtsmomenten stellt uns allerdings vor eine besondere Herausforderung vor allem hinsichtlich der Güterabwägung zwischen Schweigepflicht und Schutzauftrag zum Wohle des Kindes. Die rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere hinsichtlich der ärztlichen Schweigepflicht sowie das Bundeskinderschutzgesetz und der Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung, sollten im psychotherapeutischen Kontext bekannt sein. Gleichwohl vermag jeglicher Verdacht verschiedene Unsicherheiten auszulösen, wie im individuellen Fall zu handeln ist. Ziel dieses Grundlagen-Seminars ist es Informationen zum Thema Kinderschutz zu vermitteln und so zu mehr Handlungssicherheit für den Fall der Fälle beizutragen.

Inhalte:

  • Unterschiedliche Formen von Kindeswohlgefährdung
  • Rechtliche Rahmenbedingungen
  • Gefährdungseinschätzung und Verfahrensstandards
  • Handlungssicherheit im Umgang mit Verdachtsmomenten