Ressourcenorientierung in der Psychotherapie - Eine "Neue" Perspektive? [1] [2]

Ulrike Willutzki

Ressourcen sind in der Psychologie und der Psychotherapie in den letzten Jahren zu einem vielfach diskutierten, geradezu einem Modethema geworden. So ist z.B. vom ”Zauberwort: Ressourcen” die Rede (Themenheft der Zeitschrift ”Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis”, 1996). Karpel und Brauers (1986) bezeichnen Ressourcen als ”hidden partners” der Familientherapie und Kanfer, Reinecker & Schmelzer (1991; 1996) fordern für die Psychotherapie eine Orientierung an den positiven Seiten der Person. Grawe (1994, 1997, 1998) verlangt im Rahmen seiner ”allgemeinen” oder ”psychologischen Psychotherapie”, eine der Problemorientierung ebenbürtige Ressourcenperspektive einzunehmen. In anderen aktuellen Beiträgen wird zumindest kursorisch eine Ergänzung bzw. Erweiterung der bisherigen Sicht therapeutischer Arbeit angeregt (Bastine & Tuschen, 1996; Schulte, 1996). Auch daß dem Thema im Rahmen dieses Sammelbandes ein eigenes Kapitel zuteil wird, verweist auf seine Aktualität.
Im folgenden möchte ich nach einem kurzen Überblick über die Grundannahmen ressourcenorientierter Ansätze auf die Frage eingehen, was Ressourcen eigentlich "sind”. Im Anschluß an einige Gedanken zu Hindernissen für eine ressourcenorientierte Perspektive werden Perspektiven für die psychotherapeutische Arbeit entwickelt.

1. Grundannahmen ressourcenorientierter Ansätze

A priori ressourcenorientierter Betrachtungsweisen ist die Annahme, daß Ressourcen für die Bewältigung alltäglicher und besonderer Anforderungen bzw. Lebensaufgaben von zentraler Bedeutung sind, letztlich unsere psychische und physische Gesundheit sowie unser Wohlbefinden von ihrer Verfügbarkeit und ihrem Einsatz abhängig sind. Prinzipiell - so die Unterstellung - hat jede Person Ressourcen, d.h. sie verfügt über gewisse Möglichkeiten, mit belastenden Lebensumständen und persönlichen Problemen konstruktiv umzugehen. Dies gilt sowohl für Personen, die als ”normal” gelten, als auch für solche mit klinischen Auffälligkeiten: So sind noch ”im schwerstgeschädigten Individuum (...) und in den gestörtesten Mensch-Umwelt-Transaktionen förderbare Ressourcen einer Entwicklung von Personen- und Umweltsystemen zu finden” (Nestmann, 1996, S. 368). Die Perspektive läßt sich auf Mehr-Personen-Systeme, z.B. Familien, übertragen; jede Familie, wie belastet oder destruktiv auch immer, verfügt noch über Ressourcen. Damit wird die Person gleichzeitig als Handelnde rekonstruiert, die Wahlmöglichkeiten bzw. Kontrolle über sich hat und sich für bestimmte Optionen entscheidet - immer im Rahmen sozialer, gesellschaftlicher und biologischer Grenzen (vgl. Gutscher, Hornung & Flury-Kleubler, 1998; Nestmann, 1996).
Während manche Autoren die Ansicht vertreten, daß die Person bereits über alle Ressourcen verfügt, um ihre Probleme zu lösen (z.B. Reuben, 1993) - und diese in der Psychotherapie ”nur” zu aktivieren sind -, scheinen andere eher davon auszugehen, daß die Ressourcen, über die die Person bereits verfügt, einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung von Schwierigkeiten leisten und durch externe Ressourcen, wie z.B. die therapeutische Beziehung, ergänzt werden sollten (vgl. z.B. Grawe, 1997, 1998; Nestmann, 1996). Hobfoll (1989) ist sogar der Ansicht, daß der externe Beitrag erheblich sein muß, damit er zu einer Umkehr der Entwicklung in positive Richtung beitragen kann.
Generell geht jedoch mit der Betonung von Ressourcen eine gewisse Relativierung des ExpertInnenstatus von PsychotherapeutInnen einher (vgl. Paulus, 1990). Von manchen ProtagonistInnen ressourcenorientierter Ansätze wird die Position von TherapeutInnen offensiv in Frage gestellt (de Shazer, 1996; Riikonen & Smith, 1997; Walter & Peller, 1994). Andere - wie auch die Autorin - gehen eher davon aus, daß PsychotherapeutInnen qua gesellschaftlicher Rolle immer schon als ExpertInnen für psychische Störungen angesehen werden - und hoffentlich auch über eine gewisse Expertise in diesem Bereich verfügen. Die Ressourcen von KlientInnen zu aktivieren und zu nutzen bedeutet jedoch, die therapeutische Beziehung nicht als Kontakt zwischen Lehrer und Schüler, ”wissenden” TherapeutInnen und ”unwissenden” KlientInnen zu strukturieren (Kaimer, 1997).

2. Was "sind" Ressourcen?

Ressourcen wird z.B. in der Gesundheitspsychologie, der Bewältigungsforschung, dem Beratungsbereich und der Psychotherapie eine zentrale Rolle bei der Bewältigung von Aufgaben bzw. der Handlungssteuerung zugeschrieben. Der Begriff wird häufig in Opposition gesetzt zu "Problemen” und "Belastungen” der Person; als Synonyme werden oft "Stärken” oder "Potentiale” verwandt. Nestmann (1996, S. 362) beklagt die Vagheit des Ressourcenbegriffs und faßt zusammen: "Letztlich alles, was von einer bestimmten Person in einer bestimmten Situation wertgeschätzt wird oder als hilfreich erlebt wird, kann als eine Ressource betrachtet werden”. Die folgende Abbildung 1 greift diese Akzentuierung als zentrales Bestimmungsstück von Ressourcen auf.

Wie Abbildung 1 zusammenfassend darstellt, werden damit Merkmale von Person und Umwelt durch Zuschreibung einer positiven Evaluation bzw. der mit ihr verbundenen Funktionalität für bestimmte Ziele zu Ressourcen (vgl. ähnlich Grawe, 1997). Dies bedeutet auch, daß a priori nicht entscheidbar ist, ob ein Person- oder Umweltmerkmal Ressourcenqualitäten hat; vielmehr ist letztlich die Funktionalität des Merkmals für die Motive und Ziele der Person wesentlich. Ins Zentrum der Differenzierung zwischen Problemen und Ressourcen rückt mit der Bewertung zugleich ein affektives oder emotionales Moment.
Auf der nächsten Abstraktionsebene wird in Abbildung 1 zwischen subjektiven - d.h. von der Person selbst wahrgenommenen - und objektiven, d.h. von Beobachtern zugeschriebenen Ressourcen differenziert. Eine gezielte Nutzung der Ressourcen wird erleichtert, wenn die Person selbst sie als solche wahrnimmt. Allein aus der Außenperspektive wahrgenommene Stärken werden deutlich schlechter in den Handlungsfluß integriert (vgl. z.B. Jerusalem, 1990).
Die beiden bisher diskutierten Unterscheidungsdimensionen verweisen darauf, daß Ressourcen keine "Dinge” oder Entitäten sind, sondern sich jeweils nur in Bezug auf die Person und Aufgabe bestimmen lassen. Generelle Urteile - und damit eindeutige Orientierungen für PsychotherapeutInnen - sind demnach schwerlich möglich; genau genommen entscheidet sich erst post hoc, ob ein Potential für eine bestimmte Aufgabe funktional war.
Auf der inhaltlichen Ebene wird häufig unterschieden zwischen externen, interpersonellen und intrapersonellen Ressourcen (s. Abbildung 1). Unter externen Ressourcen werden alle natürlichen, sozialen und technischen Hilfsmittel bzw. Helfer in der Umwelt verstanden (z.B. soziale Netzwerke, sozioökonomischer Status, Einkommen, Wohn- und Arbeitsumgebung, der in einer Situation gegebene Handlungs- und Kontrollspielraum, gegebenfalls auch die therapeutische Beziehung; vgl. z.B. Laireiter & Baumann, 1988). Externe Ressourcen sollen intrapersonale fördern (s.u.).
Karpel und Brauers (1986) gehen in Erweiterung der Perspektive auf die Familie bzw. Familientherapie von relationalen oder interpersonellen Ressourcen aus (vgl. auch Grawe, 1997). Hierunter versteht er Beziehungsmuster und -charakteristika oder -regeln, die Pathologie und Destruktivität in sozialen Beziehungen begrenzen bzw. das Zusammenleben einfacher und reicher machen (z.B. gegenseitiger Respekt, Reziprozität, Verläßlichkeit, Familienstolz, Flexibilität im Umgang mit Herausforderungen und die Fähigkeit, Verletzungen wiedergutzumachen). Relationale Ressourcen - und damit auch die therapeutische Beziehung - werden häufig unter externen Ressourcen subsumiert.
Unter internen oder intrapersonellen Ressourcen verstehen Kraft et al. (1994, S. 219) "habitualisierte, d.h. situationskonstante, aber zugleich flexibel gesundheitserhaltende und wiederherstellende Handlungsmuster sowie kognitive Überzeugungssysteme der Person”, die Bewältigungsstilen entsprechen sollen. Obwohl auch externe Ressourcen relevant sind, wird intrapersonellen Ressourcen fast durchgängig eine wichtigere Rolle zugeschrieben. Prinzipiell können Persönlichkeitsvariablen, persönliche Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kräfte der Person intrapersonelle Ressourcen sein. Inhaltliche Spezifizierungen in diesem Bereich sind schwierig; Konstrukte wie "Optimismus", "Selbsteffizienzerwartung", "Kohärenzgefühl" und "Hardiness" überlappen sich definitorisch und empirisch stark (vgl. im einzelnen Willutzki, 2000). Gemeinsam ist verschiedenen Operationalisierungen intrapersoneller Ressourcen die positive Bewertung von Selbst, eigenen Handlungsmöglichkeiten und der Zukunft. Die obige Definition von Kraft et al. (1994) deutet bereits an, daß in der Literatur häufig eine dispositionelle Auffassung intrapersoneller Ressourcen vertreten wird; in der Psychotherapie ergeben sich daraus zum Teil Schwierigkeiten, da KlientInnen Probleme haben, sich positive Eigenschaften durchgängig zuzuschreiben. Solche und weitere Hindernisse für die Wahrnehmung von Ressourcen werden im nächsten Abschnitt diskutiert.

3. Hindernisse auf dem Weg zur Ressourcenorientierung

Bei KlientInnen zu Beginn einer Therapie ist nicht davon auszugehen, daß sie ihre Ressourcen wahrnehmen können. Psychisch belastete Personen teilen in vielen Fällen die Pathologieorientierung ihrer Umwelt (und auch ihrer PsychotherapeutInnen): Sie haben die Erfahrung gemacht, daß sie Belastungen nicht mehr bewältigen, mit denen ”normale” Personen und auch sie selbst früher keine Schwierigkeiten hatten. Diese Demoralisierung, das fehlende Zutrauen zu sich selbst sowie die damit verbundene Hilf- und Hoffnungslosigkeit führen dazu, daß die Person Bereiche, in denen sie gut zurechtkommt, nicht als relevant ansieht und eine global negative Sicht vorherrscht (vgl. Frank & Frank, 1991). Es ist also nicht zu erwarten, daß KlientInnen ohne weiteres Zugang zu ihren Ressourcen haben oder Auskunft über sie geben können. Grawe (1998, S. 135) spricht in diesem Zusammenhang davon, daß es bei der Ressourcenaktivierung darum gehe, ”schlummernde Bereitschaften und Möglichkeiten [zu] wecken”.
Auch das gesellschaftliche Bild von KlientInnen mit psychosozialen Störungen wird durch deren Defizite, Fehler, Belastungen und Grenzen bestimmt. Persönliche Probleme gelten in unserem Kulturkreis ohnehin als Schwächen: Personen mit klinisch relevanten Störungen werden ihren Alltags- und Lebensaufgaben zumindest teilweise nicht mehr gerecht. ”Ver-rückt” zu sein bedeutet, den Normalitätsvorstellungen unserer Kultur nicht zu entsprechen (Keupp, 1979; Riikonen & Smith, 1997). Die Diagnose von Fehlern, Mängeln und Störungen ist zugleich Voraussetzung dafür, daß Interventionsinstitutionen wie psychotherapeutische Einrichtungen überhaupt tätig werden können; ihrer Perspektive ist damit die Defizitorientierung inhärent. Da psychische Gesundheit und Krankheit im allgemeinen als Pole einer Dimension gesehen werden, geraten gesunde Anteile einer Person bei der Diagnose einer psychischen Störung nicht mehr in den Blick (vgl. Mark & Lutz, 1995).
Im Bereich der Psychotherapie schlägt sich das weitgehend negative Bild von KlientInnen z.B. in den Modellen psychischer Störungen nieder, die in den letzten Jahren im kognitiv-verhaltenstherapeutischen Kontext zunehmend ausgearbeitet wurden (vgl. zur Übersicht Fiedler, 1997a). Hier werden die Defizite von Personen mit psychischen Störungen auf der physiologischen, kognitiv-emotionalen und Verhaltensseite weiter ausdifferenziert. Gleichzeitig werden therapeutische Strategien zur Behebung dieser problematischen Aspekte entwickelt; in den seltensten Fällen werden Fähigkeiten der Betroffenen konzeptualisiert und in die Interventionen einbezogen (vgl. aber auch Fiedler, 1997b). Diese professionelle Literatur gibt TherapeutInnen damit sehr gut ausgearbeitete Konzepte zur Identifikation und Differenzierung von Problemen an die Hand, während Hinweise zur Diagnostik und Entwicklung von Ressourcen weitgehend fehlen. Diese Gewichtung setzt sich in der Psychotherapieausbildung fort. Das Bild der Person mit psychischen Störungen ist damit in weiten Teilen sowohl in der Gesellschaft als auch unter PsychotherapeutInnen gekennzeichnet durch Grenzen, Fehler, Mängel und Belastungen.
Diese Faktoren auf KlientInnenseite bzw. auf gesellschaftlicher Ebene und in der klinisch-psychotherapeutischen Subkultur haben die Wahrnehmung von Ressourcen bei Personen mit psychischen Störungen systematisch erschwert. Erst in den letzten Jahren vollzieht sich hier eine Perspektivänderung, die sich in den folgenden Ursachenkomplexen verorten läßt:
Eine Reihe von AutorInnen führt das Interesse an Ressourcen auf die Kritik an den Idealen der Moderne zurück (vgl. z.B. Fischer, Retzer & Schweitzer, 1992; Gergen, 1994). Ökologische, wirtschaftliche, soziale und psychologische Probleme verweisen darauf, daß die technologische Verbesserung und Korrektur identifizierter Fehler nicht ohne weiteres möglich ist bzw. viele ”Lösungen” gravierende Neben- und Spätfolgen haben. Vorstellungen einer weitgehenden Kontroll- und Steuerbarkeit auch psychotherapeutischer Veränderung sind in diesem Zusammenhang unter Druck geraten (Caspar, 1995; Grawe, 1998; Petzold, 1997). Veränderung in der Psychotherapie kommt in dieser Sicht nicht dadurch zustande, daß punktgenau an der Ursache (im emphatischen Sinne) angesetzt wird. Veränderungsprozesse - deren Richtung zudem nicht im engen Sinne determinierbar ist - kommen vielmehr dann in Gang, wenn es gelingt, das jeweilige System anzuregen, zu ”verstören”, in Bewegung zu versetzen (z.B. Schiepek, 1991). So verstanden, schafft Psychotherapie Bedingungen der Möglichkeit von Veränderung. Damit werden Ressourcen - als quasi im System bereits angelegte Entwicklungsoptionen - besonders interessant.
Ein weiterer Grund für das Interesse an Ressourcen, der ebenfalls mit der Kritik an der Moderne zusammenhängt, ist die Pluralisierung von Lebensentwürfen, anhand derer die Historizität und Relativität normativer Modelle von psychischer Gesundheit bzw. dem richtigen Leben deutlich zu Tage tritt (vgl. Beck & Beck-Gernsheim, 1994; Gergen, 1994). Beispielhaft sei hier der Bereich der Familienpsychologie und -forschung genannt. Trotz umfangreicher entsprechender Längsschnittstudien ist es kaum gelungen, besonders gesundheitsförderliche Familienmodelle oder -strukturen zu identifizieren. Viele, im statistischen Sinne ”normale” wie auch ungewöhnliche Familienformen scheinen für ihre Mitglieder produktiv und unterstützend zu sein. Statt hier ideale Modelle menschlichen Miteinanders zu postulieren (oder zu versuchen, sie technologisch umzusetzen), scheint es sinnvoller, die Ressourcen der Beteiligten bei der Gestaltung ihrer Lebensentwürfe aufzugreifen und zu nutzen.
Einen dritten Anlaß für das Interesse an den Ressourcen der Person stellen die ökonomischen Probleme im Gesundheitswesen dar. Mit der Ressourcenorientierung wird häufig das Versprechen auf kürzere und dennoch ausreichende Therapien verknüpft, die zudem explizit ”kundenorientiert” sein sollen (z.B. de Shazer, 1989, 1996; Loth, 1998). Für die verschiedenen Kostenträger therapeutischer Angebote sind solche Konzepte wegen ihres Sparpotentials sehr attraktiv.
Im nächsten Abschnitt sollen Vorstellungen dazu entwickelt werden, was Ressourcenorientierung in der Psychotherapie heißen kann.

4. Ressourcen in der Psychotherapie

Ressourcenarbeit wird von Grawe (1997) als Alpha und Omega effektiver Psychotherapie charakterisiert. Sie wird in diesem Beitrag als ein Wirkprinzip von Psychotherapie insgesamt verstanden. Ihre Bedeutung ergibt sich u.a. daraus, daß eine Analyse der Probleme nicht zwangsläufig die Veränderungsrichtung vorgibt und auch nicht ausreichend spezifiziert, ”wie” Veränderung möglich werden kann (Grawe & Grawe-Gerber, 1999). Schon im klassischen Problemlöseschema müssen die Ziele und die Mittel/Wege zur Zielerreichung hinzukommen (vgl. Grawe, 1998; Perrez & Bodenmann, 1997; Schulte, 1974) - hierzu sind der Möglichkeitsraum der Person und damit ihre Ressourcen wesentlich (vgl. Foppa, 1988). Die Bedeutung von Ressourcen ergibt sich auch daraus, daß ein völliger Neuaufbau von Fertigkeiten in der Psychotherapie unökonomisch wäre. Ganz grundsätzlich stellen Routinen oder automatisierte Verhaltensmuster die unaufwendigste, schnellste und dadurch effektivste Art des Verhaltens dar (vgl. zusammenfassend Wegge, 1994). Die meisten Personen haben vor der Diagnose einer psychischen Störung ihre Lebensaufgaben ausreichend gut gelöst (vgl. Frank, 1981), so daß ganz prinzipiell davon auszugehen ist, daß sie viele Reaktionsbereitschaften haben, die für die Bewältigung von Aufgaben nützlich sind: ”Wo sollen Kraft und Mittel für die Veränderung herkommen, wenn nicht aus dem, was der Patient und seine Lebenssituation bereits an Intentionen und Möglichkeiten mitbringen bzw. enthalten?” (Grawe, 1998, S. 96). Grawe und Grawe-Gerber (1999) sehen das Problem darin, daß solche günstigen Reaktionsbereitschaften bei psychischen Störungen zu selten, problematische dagegen zu häufig aktiviert werden.

4.1 Einige Anregungen aus der Psychotherapieforschung

In der klinischen Diskussion zum Ressourcenkonzept nehmen dispositionelle Konstrukte, z.B. aus der Bewältigungsforschung oder der Gesundheitspsychologie, insgesamt einen geringen Raum ein – vermutlich wegen des dynamischen Charakters therapeutischer Veränderungsprozesse. Die Psychotherapieprozeß- und Erfolgsforschung gibt zwar einige Hinweise darauf, welche Verhaltensweisen der Person besonders förderlich für den therapeutischen Veränderungsprozeß sind (z.B. positive affektive Reaktion von KlientInnen, aktive Mitarbeit; vgl. zusammenfassend Orlinsky, Grawe & Parks, 1994); diese sind oft jedoch bereits Zwischenergebnisse eines besonders günstigen Interaktionsprozesses. Zudem sind viele dort betrachtete Variablengruppen auf der evaluativen Ebene nicht eindeutig gefaßt, so daß z.B. funktionale und dysfunktionale Selbstöffnung zusammengefaßt werden. Viele Ergebnisse der Psychotherapieforschung sind in Bezug auf die Ressourcendiskussion deshalb schlecht interpretierbar.
Im Rahmen differentieller Indikationsfragen gibt es jedoch einige Hinweise darauf, daß eine Orientierung des Vorgehens an den Ressourcen der Person sinnvoll ist. Cronbach und Snow (1977) unterscheiden hinsichtlich der Passung von Behandlung und Problemen zwischen Kompensations- und Kapitalisationseffekten. Während bei Kompensationsmodellen die Veränderung der spezifischen Defizite (z.B. Wissenslücken, Fähigkeitsmängel) für zentral gehalten wird, nutzen Kapitalisationsansätze eher die Stärken der Person, um Schwierigkeiten oder auch psychische Störungen zu bewältigen (vgl. auch Rude & Rehm, 1991). Kapitalisationsmodelle legen nahe, daß KlientInnen für ein Vorgehen aufnahmebereiter sind, das ihre Stärken anspricht; sie profitieren demnach dann am besten von einer Behandlung, wenn der Gebrauch ihrer Fähigkeiten im Vordergrund steht. Rude und Rehm (1991) kommen in einer Übersichtsarbeit zu dem Schluß, daß die Kompensationshypothese trotz vielfacher Prüfung nur in zwei kleinen Studien gestützt werde, während 8 von 12 größeren Gruppenstudien im Sinne der Kapitalisationsannahme interpretiert werden können. Selbst wenn die Behandlung speziell auf ein Defizit (z.B. dysfunktionale Überzeugungen) abgestimmt war, traten Veränderungen nicht bei den Personen auf, die hier besonders belastet sind. Vielmehr profitierten gerade diejenigen, die bezüglich entsprechender Variablen günstige Voraussetzungen mitbrachten: kognitive Therapie konnten gerade diejenigen gut nutzen, die nicht so ausgeprägte dysfunktionale Überzeugungen formulierten; interpersonell ausgerichtete Therapie war besonders effektiv bei Personen mit recht guten interpersonellen Fähigkeiten. Diese Ergebnismuster verweisen darauf, daß die jeweiligen Behandlungsansätze die Stärken der Person besonders gut nutzen und dadurch einen therapeutischen Erfolg erzielen (vgl. auch die NIMH-Studie zur Depressionsbehandlung; Elkin, 1994). Da die von Rude & Rehm (1991) analysierten Behandlungskonzepte zumindest explizit eher defizitorientiert waren, läßt sich nicht direkt darauf schließen, daß mit den Ressourcen der KlientInnen gearbeitet wurde. Unklar bleibt z.T. auch, ob gerade die ohnehin nicht so stark belasteten Personen besonders von der Therapie profitieren (vgl. auch Grawe, Donati & Bernauer, 1994), weil die Defizitspirale bei ihnen noch nicht so verfestigt ist. Dennoch lassen sich die Ergebnisse zur Kapitalisationshypothese so interpretieren, daß KlientInnen gerade dann von einem Behandlungsangebot profitieren, wenn es bei ihren Stärken ansetzt und diese weiter ausbaut. Eine Konsequenz könnte sein, differentielle Indikationsfragen vor allem auf Basis der Stärken und Handlungsmöglichkeiten der Person zu beantworten (vgl. Grawe, 1997; 1998; Grawe & Grawe-Gerber, 1999; Kanfer et al., 1996).

4.2 Ressourcen im Spannungsfeld zwischen therapeutischer und KlientInnenperspektive

Betrachtet man nun die Situation von KlientInnen zu Beginn einer Psychotherapie, so wird die Bedeutung der unterschiedlichen Perspektiven für die Arbeit mit Ressourcen deutlich: Während KlientInnen zumindest in der Anfangssituation eher ihre Probleme und kaum ihre Möglichkeiten sehen, sollten PsychotherapeutInnen die Ressourcen von Anfang an im Blick haben. Die Perspektivunterschiede werden hier nicht als Problem konstruiert, sondern gerade als eine Form der produktiven Differenz zwischen KlientInnen und TherapeutInnen, aus der psychotherapeutische Veränderung erst entstehen kann: Wenn die Interaktionspartner in der negativen Sicht auf die Situation völlig einig sind, läuft die Therapie Gefahr, eher problemstabilisierend denn veränderungsanregend zu sein (Frank & Frank, 1991; Kanfer et al., 1996). Wie auch die Problemdefinition stellt sich Ressourcenarbeit als gemeinsamer Selektions- und Definitionsprozeß dar, der zudem dynamisch konzeptualisiert wird: Entsprechende Konstruktionsprozesse müssen während der Therapie immer wieder durchlaufen werden (vgl. Kanfer et al., 1996, S. 49ff.). Sie sind an ein Umfeld - insbesondere an eine therapeutische Beziehung - gebunden, das unterstützend, anregend, manchmal fordernd oder auch kompensatorisch wirkt.
Im systemtherapeutischen Kontext wird Ressourcenarbeit in der Psychotherapie häufig kommunikationstheoretisch gefaßt: Es geht darum, ein Ressourcensystem im Unterschied zum Problemsystem durch entsprechende Kommunikationen zu schaffen (Goolishian & Anderson, 1987; Essen, 1989). Vorausgesetzt wird dabei, daß immer ein Ressourcensystem konstruierbar ist, auch wenn dieses dynamischer als Problemsysteme und damit kommunikativ schlechter zu verdinglichen und herzustellen ist (z.B. Essen, 1989).
Für die Psychotherapie lassen sich die unterschiedlichen Perspektiven darauf, was eine Ressource ist, anhand des folgenden 4-Felder-Schemas veranschaulichen:

Tabelle 1: Die Perspektivität der Ressourcenwahrnehmung
  

KlientIn/Betroffene Person

  

keine Ressource

Ressource

TherapeutIn/ BeobachterIn

keine Ressource

(1) Kongruent

(2) Inkongruent

 

Ressource

(3) Inkongruent

(4) Kongruent

Wie Tabelle 1 zeigt, ergeben sich aus der Kombination der Perspektiven der betroffenen Person bzw. außenstehender BeobachterInnen kongruente und inkongruente Wahrnehmungsmuster bezüglich der Ressourcen der Person. Zu Beginn einer Therapie dürften vor allem das Feld (1) und möglichst auch Feld (3) besetzt sein. Die besondere Bedeutung, die subjektiv wahrgenommene Ressourcen für die Handlungsregulation haben, legt nahe, daß zumindest längerfristig auch die KlientInnen ihre Ressourcen besser wahrnehmen und damit die Felder (2) und (4) von Tabelle 1 einen größeren Raum einnehmen sollten.
Gerade die subjektiv wahrgenommenen Ressourcen scheinen für die Bewältigung von Aufgaben und das Wohlbefinden entscheidend zu sein (Jerusalem, 1990). Eigene Ressourcen selbst wahrzunehmen, stellt eine Art Metawissen über die eigenen Möglichkeiten dar; dieser ”Werkzeugkasten” kann systematisch für die Lebensbewältigung genutzt werden. Gelingt es PsychotherapeutInnen nicht, die von ihnen wahrgenommenen Ressourcen auch im Erleben ihrer KlientInnen zu verankern, dürften letztere die möglicherweise bestehenden Möglichkeiten nicht im vollen Umfang nutzen können (vgl. auch Karpel & Brauers, 1986). Auch wenn z. T. keine Kongruenz herzustellen ist und nur der Therapeut (gewisse) Ressourcen der Person wahrnimmt, kann seine positive Anerkennung der Person diesbezüglich zu einer guten therapeutischen Beziehung beitragen (s.u.); die Kooperation dürfte jedoch einfacher sein, wenn beide Interaktionspartner sich hinsichtlich des Potentials der Person einig sind. Es empfiehlt sich daher für TherapeutInnen, soweit irgend möglich die von KlientInnen als Ressourcen wahrgenommenen Merkmale, Verhaltensweisen etc. auch als Stärken anzuerkennen.
Für TherapeutInnen ergeben sich aus dieser Konstellation unterschiedliche Arbeitsrichtungen:
Sie können sich darum bemühen, Ressourcen zu ”erkennen”, die die KlientIn nicht sieht, und mit ihnen arbeiten (z.B. die Ordentlichkeit einer Person, die unter Zwängen leidet; s. das Utilisationskonzept (Erickson, 1980) bzw. das Konzept der komplementären Beziehungsgestaltung sensu Grawe (1992)).
Sie können versuchen, die Orientierung der KlientIn auf ihre Defizite aufzubrechen, so daß die Person befähigt wird, eigene Möglichkeiten als Ressourcen wahrzunehmen und sie auch zu nutzen (Herstellung von Kongruenz der Ressourcenwahrnehmung).
Sie können idealerweise mit Ressourcen arbeiten, die kongruent als solche gesehen werden.
Sie können versuchen, die Perspektive der Person auf ihre Ressourcen nachzuvollziehen, und diese - auch bei eher abweichender Einschätzung - gegebenfalls nutzen.
Oder sie können sich entscheiden, einen von der KlientIn als Stärke angesehenen Aspekt nicht als Ressource und vielleicht sogar als einen Teil des Problems zu sehen.
Ressourcenorientierte Konzepte sind in den letzten Jahren vor allem von ProponentInnen systemisch-familientherapeutischer, hypnotherapeutischer und kognitiv-verhaltenstherapeutischer Ansätze vertreten worden (vgl. im einzelnen Willutzki, 2000). Auch in anderen Diskursen taucht der Begriff immer wieder auf (für die Psychoanalyse z.B. Fürstenau, 1996; für die integrative Therapie Petzold, 1997). In die folgenden Überlegungen zur Ressourcendiagnostik und Arbeit mit Ressourcen geht Literatur aus den unterschiedlichen Traditionen ein; die therapieschulenspezifische Diskussion wird dabei nicht weiter ausdifferenziert.

4.3 Zur Diagnostik von Ressourcen

Bei der Analyse von Ressourcen ist zumindest implizit leitend, wofür und wie sie in der Psychotherapie genutzt werden sollen. Ganz grob lassen sich aufgrund der Überlegungen zur Funktion von Ressourcen zwei therapeutische Arbeitsbereiche unterscheiden. Einerseits können Ressourcen eher allgemeinen Zwecken dienen: Sie können z.B. zur Remoralisierung der Person (vgl. insbesondere Kanfer et al., 1996) oder zur Verbesserung der therapeutischen Beziehung beitragen (Grawe, 1997, 1998). Andererseits können Verhaltensweisen oder Merkmale der Person oder ihres sozialen Umfeldes direkt und in sehr spezifischer Weise der Bewältigung der aktuellen Probleme dienen (vgl. z.B. de Shazer, 1989, 1996; Walter & Peller, 1994).

Die Kenntnis und heuristische Nutzung von Ressourcenmodellen aus anderen Grundlagen- und Anwendungswissenschaften ist zur Schulung des Blicks für Ressourcen sinnvoll. Neben einzelnen inhaltlichen Konzepten (wie Optimismus, Kohärenzsinn etc.) ist in diesem Zusammenhang vor allem die Unterscheidung von intrapersonellen, interpersonellen und externen Ressourcen von Bedeutung (s. auch Grawe, 1997, 1998).
Die Bewertung von Etwas als positiv oder negativ findet immer im Spannungsfeld zwischen Ausgangs- und Zielzustand bzw. Standards statt. TherapeutInnen sollten daher nicht nur vertraut sein mit psychischen Störungen und Abweichungen, sondern gerade auch mit dem ”Normalen”, so wie es sich in verschiedenen Subkulturen und in seiner ganzen Spannbreite bis hin zur ”Psychopathologie des Alltagslebens” darstellt.
Verschiedentlich ist in diesem Zusammenhang die Rede davon, daß Ressourcenorientierung keine Technik, sondern eher eine Haltung sei, die TherapeutInnen einnehmen müßten (z.B. Grawe & Grawe-Gerber, 1999; Loth, 1998; Nestmann, 1996). Bei aller Kritik am Haltungskonzept (vgl. exemplarisch Sachse, 1991) drückt sich hierin aus, daß die Wahrnehmung von Ressourcen eine Frage der Perspektive ist und TherapeutInnen sich in diesem Zusammenhang manchmal gegen den Sog des Problemdrucks stemmen müssen (s. z.B. die Metapher vom halbleeren oder halbvollen Glas). Nestmann (1996) fordert in diesem Zusammenhang auch Ressourcensensibilität auf TherapeutInnenseite ein.

Orientierungspunkte für die Ressourcendiagnostik können u.a. sein

  • die Werte und Ziele der Person,
  • die Funktion des KlientInnenverhaltens
  • sowie frühere und aktuelle Bewältigungserfahrungen, die sich beziehen können auf die Alltagsbewältigung insgesamt, auf kritische Lebensereignisse und die Bewältigung der Probleme, die auch Anlaß zur Therapie sind.

Ziele und Werte der Person, ”motivationale Bereitschaften”
Eine Anknüpfung an dem, was die Person explizit schätzt, ist deshalb sinnvoll, weil es vor allem von ihren basalen Werten und längerfristigen Zielen abhängt, was sie als Ressource wahrnimmt (Gutscher et al., 1998; Petzold, 1997). Gerade die längerfristigen, persönlich bedeutsamen Ziele der Person sind hier von Interesse, weil entsprechende Ressourcen dauerhaft von Bedeutung sein können; mit einem Wandel der Zielvorstellungen können auch die auf sie bezogenen Merkmale oder Verhaltensweisen ihre Ressourcenqualität verlieren (vgl. auch Willutzki & Koban, 1999). Merkmale der Person, die motivational stark besetzt sind, sind zudem eng mit dem Selbstwertgefühl der Person verknüpft; eine Förderung dieser Ressourcen kann zur Selbstwertstabilisierung beitragen, die ihrerseits wiederum mit psychischer Gesundheit verknüpft ist (Grawe, 1998; Hobfoll, 1989).

Sinn und Funktion
Weiterhin empfiehlt es sich, das Verhalten der Person auf seine Funktion hin zu betrachten: Welchen Zielen könnte ein - durchaus als problematisch betrachtetes - Verhalten dienen? Wie z.B. in der Plan- oder Schemaanalyse herausgearbeitet wurde, stellen auch problematische Verhaltensweisen aktive Problemlösungsversuche dar, die einerseits darauf verweisen, was für die Person wichtig ist, und andererseits als Reaktionspotential genutzt werden können (Caspar, 1995). Um mit Ressourcen arbeiten zu können, sollten TherapeutInnen daher konsequent und ständig nach der Funktion des KlientInnenverhaltens suchen (s. auch Karpel & Brauers, 1986). In diesem Zusammenhang kann sich etwa die ”Renitenz” eines Klienten als ausgeprägter Autonomiewunsch darstellen, dem die Person auch in anderen Lebensbereichen - und dort mit z.T. beachtlichem Erfolg - folgt.

Lebensbewältigung, Bewältigung kritischer Lebensereignisse und aktueller Probleme
Unter bewältigungspsychologischer Perspektive erwirbt die Person im Umgang mit Alltagsbelastungen und kritischen Lebensereignissen Expertise für den Umgang mit entsprechenden Problemstellungen (vgl. z.B. Hobfoll, 1989). Zur Diagnose von Ressourcen ist daher eine Analyse dieser Bereiche sinnvoll, um die präferierten Bewältigungsstile herauszuarbeiten.
Gerade im systemtherapeutischen Zusammenhang wird im Rahmen ressourcenorientierter Perspektiven auf die spezielle Bedeutung von ”Ausnahmen” oder Schwankungen des aktuellen Problemverhaltens bzw. der Problembelastung verwiesen (vgl. de Shazer, 1989; Ludewig, 1992; von Schlippe & Schweitzer, 1996; White & Epston, 1990). Während KlientInnen - und traditionell auch TherapeutInnen - diese Ausnahmen oder Schwankungen als Zufall und/oder Glück rekonstruieren, ist es unter ressourcenorientierter Perspektive sinnvoll, sie als von der Person verursachte Muster zu begreifen. Dementsprechend lohnt sich die sorgfältige Analyse von Ausnahmen - oder im weiteren Therapieverlauf auch Fortschritten - auf von der Person kontrollierbare oder beeinflußbare Anteile hin, um diese für die weitere therapeutische Arbeit systematischer fruchtbar zu machen.

Indikatoren für Ressourcen können prinzipiell alle Merkmale der Person, ihrer Beziehungen oder Lebensumstände sein: Ihre Gewohnheiten, Gefühle, typische (oder auch besonders untypische) Geschichten, Fragen und Reaktionen in der Therapie, ihre Kontakte zu Anderen und deren Reaktionen auf sie, ihre soziale und berufliche Position. Unter funktionalen Gesichtpunkten können sich auch zunächst negativ bewertete Aspekte als Ressourcen ”entpuppen”; letztlich ist entscheidend, ob sie unter einem relevanten Gesichtspunkt positiv konnotiert werden können.
Auch die Sprache der Person - insbesondere die von ihr verwendeten Metaphern und speziellen Ausdrücke - gibt Hinweise auf ihre Weltsicht und ihr Wertesystem; ressourcenorientierte therapeutische Arbeit geht damit einher, daß die Sprache der KlientInnen ernstgenommen und aufgegriffen wird (de Shazer, 1996; Grawe & Grawe-Gerber, 1999; von Schlippe & Schweitzer, 1996).
Alle diese Ressourcenbereiche lassen sich sowohl unter intra- als auch interpersoneller Perspektive zu betrachten: Welche Möglichkeiten, motivationalen Bereitschaften und Fertigkeiten hat die Person bezüglich ihrer Emotionsregulierung und Handlungssteuerung? Welche interpersonellen Kompetenzen und Präferenzen hat sie, was schätzt sie an anderen und andere an ihr? Wie geht sie mit der therapeutischen Beziehung um? Welche angenehmen Seiten hat sie dort? Auf welche positiven Ziele verweist ein eher problematisches Verhalten im therapeutischen Kontext?

Die Überlegungen zur Personen- und Aufgabenabhängigkeit von Ressourcen verdeutlichen, daß gerade im therapeutischen Zusammenhang ein verdinglichtes Verständnis von Ressourcen wenig hilfreich ist. Vielmehr stellen die unter den verschiedenen Blickrichtungen gewonnenen Anregungen zur Ressourcenarbeit einen Fundus dar. Was dann wie genutzt wird, ist jeweils abzustimmen auf die Ziele der Therapie und der KlientIn, insbesondere auf ihre Aufnahmebereitschaft. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch die Person des jeweiligen PsychotherapeutInnen: TherapeutInnen dürften individuelle Präferenzen haben und manche Ressourcen besser und andere schlechter nutzen können. Ressourcenarbeit ist dann gelungen, wenn sie für die KlientInnen Sinn macht. Wie in anderen Kontexten ist in der Psychotherapie erst im nachhinein zu entscheiden, ob eine Ressource aus TherapeutInnensicht auch eine Ressource aus KlientInnensicht darstellt (vgl. Gutscher et al., 1998). Letztlich muß das therapeutische Angebot so abgestimmt sein, daß ”patients experience themselves in therapy also in terms of their strengths and positive aspects” (Grawe, 1997, S. 6).

4.4 Die Arbeit mit Ressourcen

Die Arbeit mit Ressourcen – in dieses weite und vor allem offene Feld sollen im folgenden einige Abstecher unternommen werden, die sich um die therapeutischen Aufgaben Aktivierung, Klärung und Umsetzung/Nutzung gruppieren (vgl. ausführlicher Grawe, 1998; Willutzki, 2000).
Wie auch Probleme nur verändert werden können, wenn sie aktiviert sind, können Ressourcen ihre Wirkung nur dann entfalten, wenn sie zumindest in Ansätzen kognitiv-emotional aktiviert sind. Das Aktivierungskonzept geht auf schematheoretische Modelle zurück (vgl. Piaget, 1976); gemeint ist, daß die aktuelle intrapsychische oder externe Konstellation die Schemata der Person kognitiv-affektiv zum Schwingen bringt, daß die Situation eine gewisse Resonanz im persönlichen Bedeutungssystem der Person hat. Eine solche Aktivierung kann sich in verschiedener Weise ausdrücken: In den Äußerungen von KlientInnen, im nonverbalen Verhalten, in ihren Reaktionen auf die TherapeutIn bzw. ihrer Aufnahmebereitschaft für Interventionen; häufig finden sich auch scheinbar widersprüchliche Reaktionen von KlientInnen (z.B. indem sie Lob verbal abwehren, sich dabei aber verschämt freuen). Ganz grundsätzlich sind solche Schemata leichter aktivierbar, die auf der evaluativen Ebene kongruent zur aktuellen Befindlichkeit der Person (bzw. den bereits aktivierten Schemata) sind (vgl. Lang, 1979): bei negativer Stimmung lassen sich also negativ bewertete Schemata leichter aktivieren, bei positiver Stimmung dagegen andere positiv konnotierte Gedächtnisinhalte. Die Aktivierung von Ressourcen wird damit bei der weitgehend negativen Affektivität von KlientInnen zu einer genuinen therapeutischen Aufgabe, die viel Sorgfalt erfordert (Hargens, 1998); ein Ansprechen von Fähigkeiten, Fertigkeiten oder motivationalen Bereitschaften kann entsprechende Wirkungen vorbereiten, muß aber nicht mit kognitiv-emotionaler Resonanz auf KlientInnenseite einhergehen.

Die therapeutische Beziehung spielt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle (s.u.). Wie bereits Frank (1981) herausgearbeitet hat, hat die therapeutische Beziehung schon qua gesellschaftlicher Konstruktion der Institution Psychotherapie eine unterstützende und aufbauende Funktion; Ressourcenqualität wird ihr quasi antizipatorisch zugeschrieben. Wegen ihrer zentralen Funktion für den Veränderungsprozeß (vgl. zusammenfassend Orlinsky et al., 1994) sollte alles getan werden, um sie zu einer Ressource für die KlientInnen zu machen; zugleich sollte alles unterlassen werden, was ihre Qualität beeinträchtigen könnte [3]. Im Konkreten müssen TherapeutInnen versuchen, diese Vorgaben so gut wie möglich einzulösen und die Beziehung so zu gestalten, daß sie vom Klienten positiv erlebt wird, er seinen Therapeuten als kompetent sieht, sich angenommen und unterstützt fühlt und darauf vertrauen kann, daß in der Therapie seine Ziele verfolgt werden (vgl. Grawe, 1998; Kanfer et al., 1996; Schulte, 1996). Wiewohl es das Anliegen von KlientInnen ist, über ihre Schwierigkeiten zu sprechen, trägt eine übermäßige Fokussierung und Ausdifferenzierung, womöglich gar die Suche nach problematischen Anteilen nicht ohne weiteres zu einer guten therapeutischen Beziehung bei (vgl. Crits-Christoph, 1997; de Shazer, 1989; Frank & Frank, 1991; Grawe, 1998). Ressourcenaktivierende Interventionen schaffen mit einer guten therapeutischen Beziehung und indirekt einer hohen Aufnahmebereitschaft das Fundament, auf dem bewältigungsorientierte und bewußtseinsschaffende Interventionen neue Impulse für die Problembearbeitung liefern können.
Wie kann die therapeutische Beziehung ressourcenorientiert gestaltet werden? Neben grundsätzlichen Merkmalen (wie positive Wertschätzung, Respekt, Interesse, Engagement; vgl. Grawe, 1998; Schulte, 1996) bedeutet es, ein therapeutisches Angebot zu machen, das den Reaktionsbereitschaften und motivationalen Voraussetzungen der Person entspricht. Hierbei kann die Kapitalisationshypothese (Cronbach & Snow, 1977) zum Tragen kommen: Personen, die eher kognitiv arbeiten, sollten Angebote zur kognitiven Arbeit gemacht werden; Personen mit starken Autonomiestrebungen profitieren eher von einem non-direktiven als einem direktiven Vorgehen. Konkrete Ideen zur Abstimmung des therapeutischen Vorgehens auf die Ressourcen der Person lassen sich aus der Plan- oder Schemaanalyse bzw. dem Konzept der komplementären Beziehungsgestaltung ableiten (Caspar, 1995; Grawe, 1995). In diesem Konzept steht explizit die Suche nach der Funktionalität eines bestimmten Verhaltens für die Ziele (”Pläne”) der Person im Vordergrund. Durch Abstraktion vom konkreten Verhalten bzw. der vordergründigen Zielebene kann die Bedeutung des jeweiligen, u. U. auch die therapeutische Arbeit beeinträchtigenden Verhaltens für die Identität der Person, ihre Wünsche und Verletzlichkeiten herausgearbeitet werden (s.u.). So kann sich unter dieser Perspektive ein eifriges, fast submissives Zustimmen von KlientInnen zu allen Vorschlägen der TherapeutIn als Versuch darstellen, Angriffe zu vermeiden und auf jeden Fall gemocht zu werden. Durch explizite Bestätigung dieser Oberziele - und gerade nicht durch Problematisierung des Verhaltens - kann der Klient die Therapie als Ressource erleben und nutzen. Hierbei ist wesentlich, daß die TherapeutIn versucht, der Funktion des Verhaltens soweit nachzugehen, bis sie nachvollziehen kann, warum sich die Person so verhält und dadurch eine positive Grundhaltung gegenüber der KlientIn entwickeln kann. Diese Perspektive soll der TherapeutIn die Freiheit geben, in der therapeutischen Interaktion akzeptierend (und nicht strafend) mit bestimmten Zielen von KlientInnen umzugehen. Dadurch, daß die Bedürfnisse der KlientInnen durch das Vorgehen eher befriedigt werden, fühlen sie sich in der therapeutischen Beziehung wohler und können der TherapeutIn offener begegnen. So schwer es TherapeutInnen auch manchmal fallen mag: Die therapeutische Beziehung sollte immer vorrangig unter Ressourcengesichtspunkten gestaltet werden.

Auf der Ebene der therapeutischen Kommunikation läßt sich zwischen der prozessualen und inhaltlichen Aktivierung von Ressourcen unterscheiden (vgl. Grawe, 1998). Prozessuale Aktivierung meint, daß die Ressourcen der Person zwar implizit, in der therapeutischen Arbeit aktiviert sind und zum Tragen kommen (indem z.B. eine entsprechende emotionale Resonanz gegeben ist oder die Person ihre Strukturierungsfähigkeiten bei einer Aufgabe nutzt); die so prozessual aktivierten Stärken der Person werden aber nicht explizit thematisiert. Bei der inhaltlichen Aktivierung sind sie dagegen explizit Gegenstand des therapeutischen Gesprächs, z.B. indem die Fähigkeiten der Person direkt angesprochen werden.
Bei der prozessualen Aktivierung von Ressourcen können KlientInnen und TherapeutInnen auch explizit übereinstimmen, daß etwas eine Ressource darstellt - sie müssen es aber nicht. Ein Klient mag seine Strukturierungsfähigkeiten sehr negativ bewerten, weil er sein Problem in seinen mangelnden Gefühlen sieht; die TherapeutIn rekonstruiert seine systematische Herangehensweise dagegen als Ressource und gestaltet ihr Angebot so, daß der Klient strukturiert an die Wahrnehmung seiner Gefühle herangehen kann.
Bei der inhaltlichen Aktivierung von Ressourcen kommt es dagegen stärker darauf an, daß KlientIn und TherapeutIn zumindest längerfristig einig sind, daß der jeweilige Gegenstand Ressourcenqualitäten hat. Dies dürfte kein Problem bei solchen Verhaltensweisen und Merkmalen darstellen, die die KlientIn prinzipiell positiv bewertet und deren Thematisierung durch die TherapeutIn eher angenehme Emotionen auslöst bzw. selbstwerterhöhend wirkt. Bezogen auf das obige Beispiel kann die TherapeutIn aber auch im Wissen um die reservierte Haltung der KlientIn zu ihren Strukturierungsmöglichkeiten die systematische Herangehensweise an die Gefühlswahrnehmung herausstreichen und die Person dafür loben. Wenn die KlientIn für diese Perspektive aufnahmebereit ist, kann sich eine weitere Fokussierung ihrer Möglichkeiten lohnen, um die ungünstige Opposition zwischen dem Ziel ”Gefühlswahrnehmung” und ihrer Fähigkeit zur Strukturierung zu überwinden. Außerdem wird so der Weg dafür frei, bei der weiteren Problembearbeitung die Systematik der KlientIn direkt einzubeziehen. Die Thematisierung auf der Metaebene kann dazu beitragen, daß die KlientIn ihre Möglichkeiten im Umgang mit ihren Schwierigkeiten bewußter nutzt, sie auch subjektiv für sie zur Ressource werden.
Bei einer gewissen prozessualen Aktivierung von Ressourcen sind evaluative Fragen besonders dazu geeignet, die kognitiv-emotionale Beteiligung zu erhöhen und damit die Ressourcenwahrnehmung von KlientInnen zu verbessern: Wie finden sie ein bestimmtes Verhalten? Eine durch die KlientInnen selbst vollzogene positive Bewertung eigenen Verhaltens dürfte die Integration der Ressourcen in ihre Schemata erleichtern.
Mit der expliziten Ressourcenthematisierung im inhaltlichen Kommunikationsmodus arbeitet die TherapeutIn direkt auf die subjektive Wahrnehmung von Ressourcen durch die KlientInnen hin; auch im prozessualen Modus machen sich KlientInnen ”aber so ihre Gedanken” und kommen häufig dazu, ihre eigenen Ressourcen direkt zu benennen. Der Vorteil inhaltlicher Thematisierung liegt darin, daß Bewußtheit und damit idealerweise größere Verfügbarkeit über die eigenen Ressourcen gefördert wird (vgl. auch Petzold, 1997). Die Diskrepanz zwischen KlientInnen und TherapeutInnen kann aber so groß sein, daß eine explizite Thematisierung eher zu einer zusätzlichen Abwertung der besprochenen Stärken führt oder die KlientIn defensiv reagiert. Weiterhin kann eine Rolle spielen, daß die therapeutische Beziehung nicht so tragfähig und damit die Aufnahmebereitschaft der KlientIn für Anregungen der TherapeutIn nicht gegeben ist. KlientInnen können sich auch in ihrer Problembelastung mißverstanden fühlen, wenn TherapeutInnen die Ressourcen zu stark betonen. So die Arbeit im inhaltlichen Kommunikationsmodus eher zu Problemen führt, ist eine prozessuale Ressourcenarbeit auf jeden Fall vorzuziehen, zumal damit auch an den Beziehungsvoraussetzungen gearbeitet wird, die eine Arbeit im inhaltlichen Modus unterstützen. Außerdem würde eine Explizierung aller Überlegungen zu den Reaktionsbereitschaften der Person und ihrer Nützlichkeit trotz der damit verbundenen Transparenz den therapeutischen Prozeß völlig überfrachten und die Interaktionspartner würden nur noch über die Therapie sprechen. Ressourcenarbeit im inhaltlichen und prozessualen Modus ergänzen sich idealerweise.

Über Angenehmes und Gelingendes wird tendenziell weniger analytisch nachgedacht als über Probleme (vgl. im einzelnen Willutzki, 2000); hieraus ergibt sich bei inhaltlicher Aktivierung von Ressourcen die Aufgabe, erst einmal zu klären, um welche Teilziele es im einzelnen geht, was in diesem Zusammenhang Ressource sein und für welche Aufgaben sie sinnvollerweise genutzt werden kann. Wie auch die Klärung von Problemen kann der Ressourcenklärungsprozess schwierig sein [4]. Wird der Fokus auf die Ressourcen durchgehalten, sind hierzu prinzipiell alle Interventionen sinnvoll, die auch im Problemkontext genutzt werden (wie z.B. Imagination, Assoziation, Beobachtung, Experimente etc.).
Als dritter Schritt der Ressourcenarbeit stellt sich die konkrete Nutzung der Ressourcen für die Problembearbeitung dar: Welche Ressourcen sollen wozu im einzelnen genutzt werden? Welche Vereinbarungen zwischen KlientInnen und TherapeutInnen sind erforderlich? Kann die Nutzung von Ressourcen imaginativ oder in Rollenspielen vorbereitet werden? Wie kann die Person in der schwierigen Situation Zugang zu ihnen bekommen bzw. sich an sie erinnern?

Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß zu Beginn der Ressourcenarbeit erst einmal die Aktivierung der Ressourcen stehen muß. Eine gute therapeutische Beziehung ist einerseits Ergebnis gelungener Ressourcenaktivierung und stellt andererseits die Basis dar, auf der weitere Ressourcen der Person aktiviert werden können. Auf der Ebene der prozessualen Aktivierung von Ressourcen kommt es darauf an, das therapeutische Angebot den Neigungen, Präferenzen und Reaktionsbereitschaften der KlientInnen entsprechend zu gestalten. Eine inhaltliche Thematisierung von Ressourcen scheint deshalb sinnvoll, weil KlientInnen dann ihre Ressourcen explizit wahrnehmen und besser für die Handlungsregulation nutzen können. Weiterhin ist es wichtig, Ressourcen sorgfältig zu klären und auch ihre Nutzung detailliert vorzubereiten.

5. Schlußbemerkungen

Häufig reagieren TherapeutInnen auf die Propaganda für eine stärkere Ressourcenorientierung mit einem - manchmal fast beleidigten - "Das haben wir schon immer so gemacht". Positiv könnte man diese Reaktion interpretieren als Ausdruck einer hohen Aufnahmebereitschaft für ressourcenorientierte Perspektiven. Die Gefahr liegt darin, daß die Unterschiede, die ein solches Vorgehen zum - verkürzt gesagt - problemorientierten Ansatz macht, nicht gesehen werden.
Glaubt man "wirklich" an die Ressourcen von KlientInnen und integriert sie in das therapeutische Vorgehen, so bedeutet dies aus meiner Sicht einerseits eine gewisse Vorsicht im Umgang mit Pathologiekonzepten - im Rahmen der zunehmenden Medikalisierung des Psychotherapiesektors ist hierzu eine aktive Anstrengung auf TherapeutInnenseite notwendig. Andererseits verbinde ich mit einem ressourcenorientierten Vorgehen eine bestimmte Gestaltung der therapeutischen Beziehung: Um die Reaktionsbereitschaften meiner KlientInnen erst einmal wahrzunehmen und zur Sprache kommen zu lassen, muß ich mich stärker auf sie hin orientieren, als wenn ich glaube, zu wissen, wie man am besten an das Problem herangeht. Dazu gehört auch Respekt vor manchen Lösungsversuchen von KlientInnen, die mir zunächst geradezu bizarr erscheinen. Problematisch sind in diesem Zusammenhang auch übereifrige Aktivitäten zur Förderung von Ressourcen: Wenn TherapeutInnen ihren KlientInnen Ressourcen unterstellen, heißt das auch, Raum für die Entfaltung von Ressourcen zu geben und diesen nicht durch übermäßige Anregungen und Vorschläge zuvorzukommen.
Die Orientierung an den KlientInnen bedeutet gleichwohl nicht, die - z.B. von der Verhaltenstherapie - im Rahmen störungsspezifischer Modelle erarbeiteten Konzepte und Strategien zur Veränderung von Problemen zu ignorieren. Im Gegenteil, idealerweise kennen PsychotherapeutInnen zukünftig solche Modelle - und damit die zumindest statistisch besonders "sensiblen Druckpunkte" (Schiepek, 1991). So können sie gegebenfalls genau hören, ob ihre KlientIn einen dieser Wege gehen kann - oder aber auch einen anderen wählt (vgl. auch Willutzki, 2000).
Ein weiterer typischer Einwand gegen ressourcenorientierte Perspektiven ist, daß es sich dabei nur um eine Variante des "positiven Denkens" handle, die unreflektiert Optimierungs- und Entfaltungsdiskurse propagiere, ohne das Leid und die Probleme der KlientInnen ernstzunehmen. Die Ressourcen einer Person zu ignorieren, läßt sich jedoch andererseits als Reduktion der Person auf ihre problematischen Anteile und damit als Pathologisierung auffassen (Karpel & Brauers, 1986). Immer wieder beunruhigen mich Therapieausschnitte, in denen besorgte TherapeutInnen auf die Suche nach problematischen Verhaltensweisen ihrer KlientInnen gehen, während letztere - zumindest anfangs - mit Freude von ihren Fortschritten erzählen. Übrigens: Auch TherapeutInnen schadet es nicht, ressourcenorientiert zu schauen - die Arbeit macht manchmal mehr Spaß und das eigene Leben kann auch davon profitieren.

Wiewohl in den vorangegangenen Ausführungen eine prononciert positive Perspektive eingenommen wird und sich - wie die Literatur zeigt - durchaus verwandte Seelen finden lassen, sollte man nicht dem Eindruck erliegen, sich hier im ”Mainstream” zu befinden: Hellhammer und Beske-Kirschbaum (1994) konnten im Rahmen einer Literaturrecherche in der Medline-Datenbank nur in 0,2-0,3% aller Forschungsberichte, die sich mit psychischem Stress beschäftigen, auch eine Erwähnung protektiver oder regenerativer Aspekte ausmachen. Diese Bestandsaufnahme läßt ein gewisses Mißtrauen keimen: werden die Ressourcen von KlientInnen "wirklich" so weitgehend genutzt, wie es gern behauptet wird? Oder handelt es sich dabei nur Schlagworte, modisches Gequatsche, das in der therapeutischen Arbeit keinen Niederschlag findet? Oder paßt Ressourcenorientierung in Zeiten einer zunehmenden Medizinisierung des Psychotherapiesektor womöglich nicht in die professionelle Landschaft? Mein Fazit: Auch in 2000 und den folgenden Jahren bleibt noch einiges zu tun, um die Möglichkeiten, die unsere KlientInnen mitbringen in Therapie und Beratung zu nutzen. Selbstverständlich ist eine ressourcenorientierte Perspektive und Praxis noch lange nicht.

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[1] Dieser Artikel ist erschienen in: M. Hermer (Hrsg.). (2000). Psychotherapeutische Perspektiven am Beginn des 21. Jahrhunderts (S. 193-212). Tübingen: DGVT-Verlag.
[2]"Nothing is in the heads that wasn't between them before" – im Sinne dieses Diktums von Uwe Laucken danke ich Barbara Neumann und Christoph Koban für ihre langjährige Geduld und Puzzelei zum Thema.
[3] An dieser Stelle regt sich bei vielen TherapeutInnen der Widerspruchsgeist: "Wären dann nicht alle potentiell spannungserzeugenden Interventionen (z.B. konfrontierende, provokative, in Frage stellende...) untersagt?" Potentiell spannungserzeugende Interventionen entfalten nur dann eine längerfristige Wirkung, wenn Personen für sie aufnahmebereit sind und sie in ihre Strukturen integrieren können (s.u.).
[4] Dies zu betonen, mag der LeserIn banal erscheinen. Die Orientierung gerade unerfahrener TherapeutInnen an Methoden - und nicht an Veränderungszielen im therapeutischen Prozeß - verführt sie immer wieder dazu, bei Schwierigkeiten das ganze Projekt der Ressourcenarbeit in Frage zu stellen. Ressourcenarbeit wirkt leicht, wenn sie gelingt; Überlegung, Mühe und Geschick gehören schon dazu.

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